Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 397 (sequence 416)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grunwald, Der Dichter J. L. Perez. 397 man trifft ihn nicht im Bethaus, man findet ihn nicht im eigenen Hause; —„im Himmel ist er", sagen seine Gläubigen. Was hat aber ein Rebbe nicht alles in dieser heiligen Zeit zu tun! Die Juden, wie viele Wünsche haben sie! Wie groß sind ihre Sünden, und der Ankläger beim himmlischen Gericht, wie scharf sind seine Augen! Da kommt eines Tages ein Litwak ins Städtchen, bekannt als großer Spötter. Er legt sich eines Abends in der Sliches- Zeit unter des Rebben Bett. Am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe steht der Rebbe auf, geht über den Kleiderschrank, nimmt eine Bauerntracht heraus und ein schweres Beil; dann geht er hinaus in den Wald. Im Walde fällt er einen Baum, zerhackt das Holz zu Brennholz und schleppt diese Last auf seinem Rücken in die Stadt zurück. Dort klopft er an bei einem alten, verfallenen Häuschen. Darin liegt eine gichtbrüchige alte Witwe. Er bietet ihr das Holz an. Sie hat aber kein Geld, Holz zu kaufen; sie will auch leihen, weil sie nicht zurückzahlen kann. „Aber ihr Juden" — sagt der vermeintliche Bauer — „habt einen so großen Gott und du willst ihm nicht vertrauen?! Nimm das Holz und zahle später!" „Aber wer soll denn einheizen?" fragt die Witwe. Der Rebbe kniet nieder und heizt ein. Da hört der Litwak am Fenster, wie dem Rebben bei jedem Scheit Holz, das er in den Ofen wirft, die Sliches, die Bußgebete, immer rascher und fröhlicher von den Lippen kommen. Seit jener Stunde ist der Litwak bekehrt und, wenn die Chassidim in der Sliches-Zeit vom Rebben sagen: „Er ist im Himmel", —spottet er nicht mehr, sondern fügt ernst hinzu: „Wer weiß, ob nicht noch höher". Ebenso originell wird die Glut und Innigkeit und das Glück der chassidischen Gläubigkeit und Überzeugung dargestellt in der Geschichte „Er, in dessen Reiche die Freude ist". Das ist Gott; nur bei ihm ist Freude. Freude ist nur in der Thora, bei den guten Werken, bei den Gerechten, nur bei dem, was sich nährt vom Glänze des himmlischen Thrones. Das Essen, Trinken usw. wird erst zum Genüsse dadurch, daß der Jude darüber einen Segen spricht und dazu fromme Lieder singt. Der Mond am Himmel zeigt nur so wunderbaren Glanz darum, weil der Jude seinen Segen darüber gesprochen hat.