Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 396 (sequence 415)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grunwald, Der Dichter J. L. Perez. Kutscher preist die Zaubermaeht des großen Raws. Welcher Mann war das auch! Ehrfurcht verbreitet er um sich wie ein König. Seine Augenbrauen beschatten das halbe Gesicht, und wenn er sie hebt, — wie vom Donner gerührt fallen die Weiber um. Messer, blanke Messer blitzen aus seinen Augen. Seine Stimme ist wie die eines Löwen und, wenn er die Thora vorträgt, ist es so, daß man überzeugt sein muß: wenn die Thora ein Meer ist, so ist er der Livjathan darin. Aber der Bialaer Rebbe, welch' andere Welt! Seine Augen so gütig und so mild, sie leuchten Leben ins Herz hinein; er blickt dich an — und du glaubst dich mit Gold beschüttet; seine Stimme so sanft und geglättet; deine Seele will heraus aus dem Leibe, sie will mit seiner Seele sich vereinen, wie — mit Verlaub — die Motte nach der Flamme strebt. Kaum hat der Brisker Raw das Haus betreten, ist der böse Dämon der Krankheit gebannt. Eines Tages wünscht der Brisker Raw den Bialaer Rebben zu sprechen. Der Bialaer Rebbe war nämlich einst sein Schüler gewesen; er war eines Tages verschwunden, um dann als Rebbe in Biala aufzutauchen. Der Hauslehrer führt ihn hin — die beiden Berge treffen aufeinander. Der Brisker Raw fragt seinen einstigen Schüler: „Weshalb bist du von mir gegangen?" „Weil Eure Thora mir zu kalt und zu nüchtern war", lautet die Antwort. „Die Thora ist für ganz Israel. Was habt Ihr aber für den Sünder, was habt Ihr für den Nichtgebildeten übrig?" „Und wie sieht Deine Thora aus?" fragt der Brisker Raw. Da führt der Bialaer Rebbe ihn ans Fenster. Es ist Frühling, heller Sonnenschein; draußen spaziert die chassidische Jugend, sie singt und tanzt, alles ist in leuchtende Farbenpracht getaucht. Da hört man mit einem Male die Stimme des Brisker Raws: „Es ist Zeit, das Vespergebet zu verrichten!" Mit einem Schlage ist der Zauber dahin. Aber seit jener Stunde hat der Brisker Raw die Chassidim nicht mehr verfolgt. Den Ausgleich zwischen Chassidismus und Talmudismus schildert Perez ergreifend in der Skizze „Vielleicht noch höher". Der Rebbe von Nemirow verschwindet regelmäßig in den Morgenstunden der Sliches-Tage, jener ernsten, heiligen Tage unmittelbar vor und nach dem Neujahrsfeste der Juden. Wohin ist er verschwunden? Man sieht ihn nicht im Lehrhaus,