Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 390 (sequence 409)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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390 Grrunwald, Der Dichter J. L. Perez. der jüdischen Kleinstadt fügen, sie langweilte sich und verlangte nach geistiger Nahrung. Was tat er? Er setzte sich zu ihr hin und las ihr aus dem Talmud vor. Als er ihr aber einige Zeit vorgelesen hatte, bemerkte er, daß sie längst eingeschlafen war. Da kam eines Tages ein Kolporteur ins Städtchen und dem kaufte er seine ,,Geschichtchen" ab; die befriedigten seine Frau. Er könne — sagt er — das nicht verstehen; denn als sie ihm aus einem dieser Bücher vorlas, war er sofort eingenickt. Und nun erzählt er dem Dichter von den strahlenden Tugenden der Frau. Der Jude steigt dann aus und seinen Platz nimmt ein Christ ein, ein Apotheker, ein Jugendgespiele des Dichters. Nun denkt sich Perez: Wahrscheinlich ist auch der schon zu der Gilde der Judenfeinde übergegangen. Aber mit Entrüstung weist sein alter Freund diesen Verdacht zurück. „Ich kann" — versichert er —„niemals Judenfeind werden, denn daran hindert mich der Gedanke an eine jüdische Frau. Als meine arme selige Frau krank wurde, da stellte sich eine Jüdin aus der Nachbarschaft vor, die wir bis dahin nie gesehen hatten; die wich nicht mehr vom Krankenlager. Und als meine selige Frau gestorben war, mußte man die Jüdin noch mehr trösten als mich selbst." Dann erzählt er weiter von dieser Jüdin. „Ha," ruft Perez aus und weidet sich schon im Voraus an der Überraschung seines Freundes, „ich kenne die Jüdin; wohnt sie nicht im Ort X?" „Gewiß, dort wohnte ich damals." „Heißt sie nichtChannoh?" „Wie kommst du auf die Idee? Nein, Soroh heißt sie." Da sehlägt sich Perez vor die Stirne und spricht: „Es ist dasselbe Städtchen, es sind genau dieselben stillen Tugenden und Charakterzüge; aber gibt es denn nur eine Channoh?" — Und daß Perez in der Schilderung der jüdischen Frau nicht mit einem Strich übertreibt, dafür haben wir jetzt ein unanfechtbares Zeugnis in den Dokumenten der ostjüdischen Frau, wie sie Pauline Wengerow in ihren „Memoiren einer Großmutter" uns liefert — geradezu Ausschnitte aus dem Leben — aus ihrer eigenen Familie. Wie unnachahmlich schildert Perez das Dulden, die Bescheidenheit, die Selbstverleugnung der jüdischen Frau des Ostens in der Geschichte „Mendel Breines", d. h.: Mendel, der Mann der Breine! Mendel ist der Durchschnitt eines Ost-