Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1924-01-01 · Jahrbuch (1924-1925) · p. Seite 389

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
1924-1925
Issue
Jahrbuch (1924-1925)
Date
1924-01-01
Page
Seite 389 (sequence 408)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2638044-2638085-2638086--2885-2640259
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Grunwald, Der Dichter J. L. Perez. 389 darüber war und zu ihm sprach: „Mein Sohn, du bist der würdige Erbe meines Schatzes". Und damit überreichte er Perez den halb verrosteten Schlüssel zu einer Bibliothek, die, freilich in unglaublichem Wirrwarr, eine Unzahl deutscher, polnischer, russischer, französischer, englischer Werke, meist in polnischer Übersetzung^ enthielt. Wir können uns denken, mit welchem Heißhunger der Talmudjünger sich auf diese ungewohnte Kost stürzte. Wie er selbst erzählt, begann er zu lesen von rechts herum die Wand entlang: heute den dritten Band von Dumas, morgen den vierten Band von Sue oder Turgeniew. Diese Lektüre weckte in dem jungen Perez eine mächtige Sehnsucht nach der Welt jenseits der Ghettomauern, eine Sehnsucht, die in ihm noch bestärkt wurde durch eine Jugendliebe und durch den Umgang mit einem jüdischen Freigeist. Auf den Rat dieses Freundes beschloß Perez, zu fliehen, und schon hatte sein freigeistiger Freund zur Deckung der Reisekosten die Uhrkette versetzt und schon stand das Fuhrwerk vor der Tür, das ihn entführen sollte. Perez liegt — es ist im ersten Morgendämmern — mit offenen Augen im Bette, da tut sich die Tür zur Schlafkammer auf und leise tritt seine Mutter ein; sie setzt sich an das Fußende des Bettes und, still vor sich hin weinend, blickt sie auf ihr Kind. Diese Tränen der Mutter haben Perez in der Heimat festgehalten. Der Fluchtplan war aufgegeben. Ganz unvergleichlich ist die Art, wie Perez das Lob der jüdischen Frau singt. Einst, so erzählt er in einer Reiseskizze, fuhr er im Postwagen durch Polen. An einer kleinen Station steigt ein Jude ein; der macht sich natürlich sofort mit ihm bekannt und, als er erfährt, daß sein Gegenüber der bekannte Schriftsteller, der Verfasser von „Geschiehtchen" ist, da fragt er ihn ganz naiv und offen, wozu denn solche Geschichtchen nütze seien. Dem Verfasser gewiß, — der lebt davon. Aber für die übrige Welt? Allerdings, so fügt er hinzu, habe er die Erfahrung gemacht, daß man auch solche Geschichtchen zu mancherlei brauchen könne. Er habe aus einer Warschauer Familie eine Frau heimgeführt, die schon ein wenig mit moderner Bildung vertraut war; die konnte sich durchaus nicht in das Leben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.