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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1924-01-01 · Jahrbuch (1924-1925) · p. Seite 388

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
1924-1925
Issue
Jahrbuch (1924-1925)
Date
1924-01-01
Page
Seite 388 (sequence 407)
Language
German
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388 Grunwald, Der Dichter J. L. Perez. Preisliedes auf das Biederweib hat niemand so begeistert, so tief ergreifend das Lob der jüdischen Frau gesungen wie Perez. So wie nach der Überlieferung den hebräischen Sklaven in Ägypten die Tugenden ihrer Frauen Halt und Stütze boten, so trägt im Ostjudentum die Frau die Last der gesamten irdischen Sorgen für den Hausstand auf ihren Schultern. Sie führt die Wirtschaft, sie erzieht in den ersten Jahren die Kinder, sie leitet das Geschäft, von dem die Familie lebt, und wenn irgendwo im ganzen Ort — sei es Christ oder Jude — jemand einer Hilfe bedarf, ist sie als erste zur Stelle. Der Mann widmet sich tagsüber dem Studium im Lehrhause, den Gebeten und frommen Werken; damit ist er nach Auffassung des Ostjudentums der eigentliche Verdiener und Erwerber. Denn was bedeutet in den Augen des Ostjuden Essen, Trinken und alle Wohlfahrt dieser Erde gegen das Glück im Jenseits? Und das verdient eben der Mann durch seinen frommen, gottgefälligen Lebenswandel. Dafür gelangt er einst in das Jenseits, dort nimmt er einen Ehrenplatz ein auf einem Lehnsessel, und um seiner Verdienste willen darf — zu seinen Füßen — die Frau sitzen. Das Modell für eine jüdische Musterfrau bringt Perez — und welcher Ostjude nicht? — aus der eigenen Familie mit. In seinen Lebenserinnerungen erzählt er uns einmal von einer seiner Großmütter, die in ihrem Kramladen eine eigene Schieblade für die Armen hatte, und wenn ein Enkelkind etwas naschen wollte, so durfte dies nur geschehen nach dem Einwerfen einer Kupfermünze in die Armenbüchse. Von seiner Mutter bietet uns Perez nur ganz gelegentlich eine Momentaufnahme. Perez hatte den üblichen Lehrgang des Ostjuden — das Studium der Bibel, des Talmuds usw. — mit Auszeichnung durchlaufen. Er galt als ein Genie im Talmud, als eines Tages ein Sonderling ihn auf der Straße anhielt mit der Bitte, ihm eine Stelle in einem kabbalistischen Buche zu erklären. Perez, von Kindesbeinen auf der gründliche Grübler, hatte sich frühzeitig schon mit Religionsphilosophie und mit kabbalistischer Mystik beschäftigt. Er gab dem Fragenden eine derart zufriedenstellende Antwort, daß der ganz entzückt

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