Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 386 (sequence 405)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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386 Grunwald, Der Dichter J. L. Perez. folgung und der anderen, höchstens ein Waffenstillstand mit einem erbarmungslos brutalen Feinde; eines Volkes, dem man im besten Falle begegnet so, wie jene Köchin die Mäuse nicht vergiftet, sondern ihnen nur jeden Zugang zur Speisekammer sorgfältig verschließt; eines Volkes, an dem, wenigstens zu zwei Dritteln, das Rezept Pobiedonoszew's wirklich praktiziert wird: „Ein Drittel wandert aus, ein Drittel wird erschlagen, ein Drittel wird getauft." Das Los der Auswanderer besingt der bekannteste Dichter der Ostjuden, der Newyorker Schneider Morris Rosenfeld, dessen Lieder in fast alle Kultursprachen übersetzt worden sind. Von denen aber, die aus tausend Gründen in der stiefmütterlichen, ungastlichen Heimat bleiben wollen oder bleiben müssen, von ihnen oder besser für sie schreibt unser Perez. Diesen Teil seines Volkes, den größten, will er mit aller Macht vor dem Schicksale des Aufgesogenwerdens durch die Umgebimg auf der einen, vor dem geistigen und sittlichen Verfall auf der anderen Seite bewahren. Er selbst, vollgesogen mit der gesamten Bildung des Ostens und des Westens und vertraut mit allen ihren Geistesströmungen, will sein Volk retten mit dem einzigen Mittel, mit dem man ein Volk rettet: durch Bildung. Aber unter Bildung versteht Perez nicht etwa ein unorganisches Eingliedern fremder Kulturbrocken in den eigenen national-geistigen Bestand, nicht etwa eine äußerliche rein formale Halbkultur, nicht ein Anbeten und Annehmen fremder Formen, sondern das Gegenteil: Bildung ist nach Perez ein Sich-auf-sich-selbst-besinnen des Volkes, eine Rückkehr zu sich selbst, die Pflege der Eigenart, eine vertiefte Erkenntnis und Wertschätzung des eigenen großen national-klassischen jüdischen Volkstums. Mit einem Worte: das Festhalten an dem Guten und Kernhaften des eigenen Volkstums. Das ist nach Perez wahre Bildung, echte Kultur. Und diese Kultur, ergänzt durch tüchtiges Fachwissen und durch Anpassung an alle Erwerbsmöglichkeiten, sie soll das jüdische Volk in der alten Heimat, in der gewohnten Umgebung befähigen zum Konkurrenzkampfe, zum Wettbewerbe mit den anderen Völkern auf dem Markte des Lebens, so wie man schwimmen lernt im Wasser. Indem aber Perez er-