Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 385 (sequence 404)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grrunwald, Der Dichter J. L. Perez. 385 belehrt uns darüber, daß in Perez ein durchaus eigenartiger Geist vor uns steht, der durch alle Schulen und Wandlungen der neuesten Literatur gegangen ist, —vor allem eines der stärksten Talente der gesamten zeitgenössischen Dichtung, ein wahrer, großer Künstler, der in diesen vielstimmigen internationalen Chor eine ganz neue Note eingeführt hat: Das Ostjudentum ist mit Perez in die Weltliteratur eingezogen. Was ist das Ostjudentum? Wo und wie lebt es, welches ist seine Sprache, welches sein Tun und Treiben, wie sein Handel und Wandel? Ein Millionenvolk lebt, vielfach in dichten Massen wie in einem Sklavenpfuhl zusammengepfercht, im polnischen und russischen Osten, in Kolonien über die gesamte Erde verstreut, zu einem Volk geeint durch die Gemeinsamkeit des Glaubens und des Hoffens, durch die Gemeinsamkeit der Sitte und des Brauches, durch gemeinsames Elend in Vergangenheit und — zum größten Teil — Gegenwart und vor allem durch eine gemeinsame Sprache. Wer diese Sprache mit geschultem Ohre zu hören versteht, der vernimmt in ihr die ganze Geschichte dieses Volkes, der hört da ein buntes Gewirr von Stimmen, das Rauschen des Jordans, das Murmeln der Wellen des Rheins, das Brausen der Stürme des heißblütigen Litauen, die Melancholie polnischer Laute nebeneinander, ineinander sich drängend und hemmend. Eine Sprache, von der Perez selbst, ihr großer Dichter, einmal sagte: „Anders möcht' mein Lied erklingen, wollt' ich in anderer Sprache singen, doch Jargon—kein rechtes Wort, kein recht er Ton für Liebe, für Gefühl kein passend Wort, kein rechter Stil. Unser Jiddisch kennt nur Witze, hat nur Härten, scharfe Blitze, Worte gleich vergifteten Spießen, in seinem Lachen weinen Riesen, in seinem Saft und Blute Zähren, kannst aus jedem Worte hören, wie ein Meer von Leiden spricht, wie das Herz dem Juden bricht." Das ist die Sprache des jüdischen Volkes, wo es noch in völkischer Eigenart im Kreislaufe einer Jahrhunderte alten Tradition und Gewohnheit sein Dasein vollzieht; die Sprache der Parias, der Schutz- und Rechtlosen; die Sprache der Unterdrückten, der Geknechteten, eines Volkes, das von einem Pogrom bis zum andern kaum eine Ruhepause sich gönnen darf, dessen Leben nichts anderes ist als ein kurzes Atemholen zwischen einer Ver- Grunwald, Jahrb. f. jüd. Volksk. II. 25