Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 337 (sequence 354)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grrunwald, Basse, Volk, Nation. 337 K ahn behandelt die Juden als Rasse ein wenig zu subjektiv, wenn er von ihnen sagt, daß — nicht ein Teil, sondern — sie sich einander körperlich und geistig verwandt fühlen, daß sie — allgemein — den Willen zu einem jüdischen Staate haben, somit eine Nation seien. Beides trifft nur zu, wenn man es auf einen Teil beschränkt. Ebenso Kahns Ausspruch, daß das Lecho daudi den Juden tiefer ergreife als nichtjüdische Nationallieder. Es sei denn, daß Kahn alle anders empfindenden Juden, die immerhin einen starken Prozentsatz bilden dürften, ebenso aus dem Judentum ausschließen will, wie die Proselyten. In letzterem Belange verfährt er historisch unzulässig. Einmal deshalb, weil, wie wir sahen, als Kriterium der Zugehörigkeit zum Judentum die Beschneidung zu gelten hat, nicht anthropologische Merkmale, zu deren Konstatierung wählt Kahn die Hauptgruppe, das Gros der Juden, aus, wie uns scheint, willkürlich, weil er konsequenterweise auch von ihr Proselyten ausschalten müßte, wie er es in den Nebengruppen (Jemeniten usw.) tut. Freilich ein Unternehmen, das undurchführbar wäre. Man denke nur an die unübersehbare Zahl von Übertritten zum Judentum in Osteuropa seit den Chazaren bis auf den heutigen Tag! Wer kann da noch von „reinrassigen" Ostjuden reden? Seine Auffassung, daß der jemenitische Jude etwa dem russischen Juden ebenso fern oder nahe stehe, wie der Inder als britischer Untertan dem Engländer, und daß man Jude bleibe, wenn man aus dem jüdischen Glauben austritt, ist hingegen im Rahmen seiner Anschauung ganz folgerichtig, führt aber zu unhaltbaren Konsequenzen. Auch wir sind wie Kahn der Ansicht, daß das Judentum nicht nur eine Religionsgemeinschaft ist. Was bleibt denn aber jüdisch an dem Juden, der dem Judentum den Rücken kehrt? Den anthropologischen Tatbestand ändert er für seine Person damit gewiß nicht. Ebensowenig annulliert er die Beschneidung, wenn auch dieses Symbol durch den Austritt bedeutungslos wird. Bleibt somit nichts als die äußere Erscheinung. Wie, wenn aber auch diese gerade in dem bestimmten Falle einen der zahlreichen Grenzfälle darstellt, die alle jene als jüdische Spezifika zu bezeichnenden Merkmale vermissen lassen? Desertiert doch nicht jeder in der Uniform! Was aber Gmnwald, Jahrb. f. jüd. Volksk. II. 22