Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 328 (sequence 345)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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328 Grunwald, Kasse, Volk, Nation. Praktische Bedeutung der Rassentheorie. Neger- und Judenfrage. Ebensowenig, wie den Juden zur jüdischen Nationalität zwingen, darf man ihm als solchem, den Anschluß an eine andere, d. h. die Aufnahme in den Staatsverband, verweigern. Geschweige denn, daß man ihm, ohne das Prinzip des modernen Staates zu verletzen, gar in seinem Geburtslande eines der teuersten Rechte, das Anrecht auf seine Heimat versagen dürfte. Gerecht ist einzig rein individuelle Behandlung jedes einzelnen Falles. Am konsequentesten und eines freien Volkes würdigsten verfährt England, indem es jedem, der auf englischem Boden das Licht der Welt erblickt, ohne weiteres das englische Staatsbürgerrecht zuspricht. Dies ist ein Punkt, auf den wir Juden unsere ganze Aufmerksamkeit konzentrieren sollten. Es handelt sich hier um eine Lebensfrage für die Judenheit. Die Rassentheorie — darüber darf nicht die geringste Unklarheit herrschen — ist einzig und allein gegen die Juden gerichtet. Ihr Motiv ist der Judenhaß. Genau so, wie Bierbrauer und Tabakhändler „Gelehrte" finden, die die Ungefährlichkeit oder gar Nützlichkeit des Alkohols und Nikotins zu beweisen für Geld und gute Worte sich herbeilassen, genau so fand der Rassenstolz im alten Griechenland seinen Aristoteles, der die Bestimmung des einen, zu herrschen, des andern, zu fronden, als „naturgemäß" erwies. Ebenso argumentierte man mit pseudowissenschaftlichen Spiegelfechtereien in Amerika vor 60 Jahren gegen die Neger. Es darf darauf verwiesen werden, daß im Kriege gegen die Südstaaten sich sogar eine jüdische Stimme fand, die der damals von den Baumwollmagnaten beliebten Berufung auf die biblische Herabsetzung Chams öffentlich zustimmte, eine Entgleisung, die Philippsohn in seiner „Allg. Zeitung d. Judentums" gebührend zurückwies. Wäre jenem unglückseligen jüdischen Gegner der Negerbefreiung nicht der traurige Mut gesunken, wenn man ihm prophezeit hätte, daß der Spieß gegen Cham sich auch einmal gegen Sem kehren werde? Daß der Teufel sich auch auf die Bibel beruft, wenn er für die Minderwertigkeit der „jüdischen Rasse" einen Kronzeugen braucht?