Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 326 (sequence 343)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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326 Grunwald, Rasse, Volk, Nation. Jüdische Nation. Auch dem Juden muß es im modernen Rechtsstaat freistehen, sich dem Staate, in dem er wohnt, einzugliedern und sich damit zu der Nation — in rein politischem Sinne — zu bekennen, die dieser Staat repräsentiert, oder aber sich für andersnational — auch jüdischnational — zu erklären. Ganz abgesehen von den Verhältnissen Osteuropas, wo die Juden im vollsten Sinne des Wortes ein Volk für sich bilden. Wenn, wie wir sahen, der Wille zur staatlichen Autonomie die Nation ist, kann hier, sobald dieser Wille besteht, mit Fug und Recht von einer jüdischen Nation gesprochen werden. Aber auch sonst überall, wo Juden den Willen zu einem selbständigen jüdischen Gemeinwesen äußern, muß ihnen das Recht des Bekenntnisses zur jüdischen Nation zugebilligt werden. Wir brauchen hiebei gar nicht auf die Balfour-Erklärung zu reflektieren. Es genügt die Tatsache, daß die Juden einst einen Staat gebildet haben. Der Wille zu diesem Staat war bis etwa vor einem Jahrhundert in den Juden ohne Ausnahme lebendig. Bis auf das eigene Land und das Zentralheiligtum, die ihnen gewaltsam entrissen worden waren, pflegten sie die Elemente ihrer einstigen staatlichen Selbständigkeit: den jüdischen Kultus und die hebräische Sprache. Aber auch auf jene hatten sie nie Verzicht geleistet. Vielmehr war die Fürsorge für das Land der Väter eine ernste Angelegenheit jeder Diasporagemeinde, und auf den Dienst im neuzuerrichtenden Heiligtum bereiteten sich Kohanim gewissenhaft vor. Es hat auch einen ganz realen Sinn, wenn von einem jüngst hier in Wien verstorbenen edlen Kohen gesagt wurde, er wäre würdig gewesen, im Beth hamikdasch den Dienst des Hohenpriesters zu versehen. Niemanden kann man zwingen, sich zu dem Volke zu bekennen, unter dem er geboren wurde. Auf der Überfahrt von Südamerika nach London wurde eine junge Dame gefragt: „Sie sind Argentinierin?" „Nein," sagte sie, „Engländerin." „Aber Sie wurden doch in Argentinien geboren?" „ Ja." „Dann sind Sie doch Argentinierin?" Worauf die Miß verächtlich erwiderte: „Wenn ich in einem Stall zur Welt gekommen wäre, würde ich darum eine Kuh sein?" Wir sahen, Nation ist Wille,