Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 325 (sequence 342)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grunwald, Kasse, Volk, Nation. 325 die Hoffnung auf den zugleich nationalen und internationalen Erlöser lebendig erhielt. Nation. Die wichtigste Wendung in den Geschicken der Judenheit seit der Tempelzerstörung durch Titus trat mit der politischen Emanzipation ein, einer unausweichlichen Konsequenz der wertvollsten Schöpfung der Aufklärungszeit, des Rechtsstaates. Der Rechtsstaat kennt nur Bürger, Individuen mit gleichen Pflichten und gleichen Rechten. Seine Idee ist die der bürgerlichen Freiheit. Er ist „der Organismus einer Gruppe von Menschen, die durch eigengeartetes Gemeinschaftsbewußtsein und Verantwortungsgefühl untereinander verbunden sind und füreinander einstehen" (Brunner). Ihr Wille zur Einheit des Staates, ihre Einigung durch sich selber ist die N a t i o n. Sie ist „das Innen, die Seele, das Leben zu dem Außen, dem Staat", somit ein politischer Begriff. Am vollendetsten tritt diese Errungenschaft der Neuzeit uns entgegen in den Vereinigten Staaten. Nationalitäten zählt man dort eine Unzahl, ebenso wie Konfessionen und Sekten. Alle aber fühlen sich als e i n e Nation. Die Union würde sich selbst verleugnen, wenn sie den Grundsatz verließe: „La recherche de la nationalite ou de la religion est interdite". Der Weg führte vom: „L'etat c'est moi" über Friedrich den Großen, den „ersten Diener seines Staates", zum: „L'etat c'est la nation". „Alles für das Volk durch das Volk". Es gibt sowenig eine besondere Staats nation, wie es eine Staats religion geben darf. Und ein Nationalstaat ist ebenso unhaltbar wie ein konfessioneller Staat. Das Wort Wilhelms IL: „Christlichsozial ist Unsinn. Christlich ist sozial", läßt sich variieren. „Nationalstaat ist Unsinn, höchstens parteigehässige Luftkonstruktion. Staat ist Nation." Ist der moderne Staatsgedanke stark genug — das große Amerika wie die kleine Schweiz, hier sogar räumlich geschiedene, verschiedene Nationalitäten — in einer Nation zusammenzuhalten, ohne die eine auf Kosten der anderen mit Vorrechten auszustatten, so hätte Ungarn, hätte vor allem Osterreich sich erhalten können, wenn nicht eben die Geschichte lehrte, daß man von ihr nichts lernt.