Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 323 (sequence 340)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grunwald, Basse, Volk, Nation. 323 eine besondere Art von Barmherzigkeit (rachmanim), Scham vor gewissen Dingen, deren sieh andere nicht schämen (baischanim) und Wohltätigkeit mit persönlicher Leistung (gonüe gemiluth chassadim). Wer diese Eigenschaften besitzt, ist würdig, in den Verband des Judentums aufgenommen zu werden, wer sie vermissen läßt, beweist damit, daß er „nicht zu den Nachkommen Abrahams gehört". Allerdings wird auch als jüdisches Spezificum die Dreistigkeit (chazifuth) bezeichnet (Schemot r. 42, 9), doch im Sinne Heinrich Heines, daß, wer in Demut und Ehrfurcht vor Gott seinen Dienst auf sich nimmt, vor den Menschen dreist und furchtlos sein muß. „Dreist und gottesfürchtig!" Die Thora wurde Israel gegeben seiner Dreistigkeit (assuth) wegen (Beza 25). W7enn übrigens an Israel in Ägypten hervorgehoben wird, daß es seinen Unterschied von der ägyptischen Umgebung als Nation kenntlich erhalten habe (mezujjanim: Tana d' be Elijahu r. 17), so bestand das Unterscheidungsmerkmal nach R. Samuel b. Meir in der besonderen Tracht, nach R. Elia Wilna in der Besonderheit der Satzungen und Bräuche. Von „Rasse" oder dergleichen weiß man nichts. Geistvoll behandelt diesen Gegenstand Ad. Jellinek in seiner Studie „Der jüdische Stamm", in der er unter anderem auch jüdische Autoren (so S. 152 Isak Arama und Juda Lerma) anführt, die der Rassentheorie nahestehen. Die seelische Heimat. Hievon abgesehen, bilden die Juden aber auch eine Schicksalsgemeinschaft und somit — dies der psychische Reflex — eine ethische Gemeinschaft. Schön und treffend schreibt J. Stengel „Ein Vorschlag zur Judenfrage" (Wien, Dezember 1918, S. 3) von ihnen: „Aus ihrer Geschichte sind Erkenntnisse für ihr sittliches Fühlen und ihre Gedankenwelt geflossen, für ihre Auffassung von Menschentum und Hilfsbereitschaft, von Sichfügen im Leid und Sichbescheiden in der Freude, daß solch feine, die ganze Führung des Lebens wie mit zartesten Farben überhauchende Auffassung des Daseins eine stille, reine Atmosphäre um ihre Seelen schuf, in der nicht prangender Ruhm, aber innere Größe, nicht rauschendes Glück, aber weh- 21*