Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 322 (sequence 339)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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322 Grunwald, Rasse, Volk, Nation. unter bis zum Lokalpatriotismus atomisiert, die sich besonders nach dem Weltkriege hie und da politisch in Separationsbestrebungen geltend machte und vorher in folkloristischer Betätigung Ausdruck fand, war in den Juden von jeher lebendig in einem Grade ohnegleichen. Trotz der Ungastlichkeit der Mitbewohner war der Boden des Vaterlandes und seine Kultur ihnen derart ans Herz gewachsen, daß die jüdischen Exilanten aus Spanien noch heute ob ihres spanischen Patriotismus von Wortführern des Spaniertums gerühmt werden, daß die Juden des europäischen Ostens und die Amerikas als Träger des Deutschtums einer einsichtigen deutschen Politik die wertvollsten Dienste hätten leisten können. Weniger erstaunlich ist darum die beispiellose Zähigkeit und Inbrunst, mit der der Jude an seiner Urheimat Palästina hing, zumal sie für ihn auch zum religiösen Symbol geworden war und den Anknüpfungspunkt seiner nationalen Erinnerungen, sowie den Angelpunkt seiner nationalen Hoffnungen bildete. Religiöse und sittliche Eigenart. Neben diesem lokalen patriotischen Motiv, das noch heute in den Gebeten und Festen des Juden durchklingt, als sei die Verbindung mit dem alten Heimatsboden nie gelöst worden, wirkte auf die Seele des Juden der erzieherische Einfluß der Religion. Aus der Kultusgemeinde wurde nicht nur ein Religionsvolk par excellence, dem schließlich das restlose Aufgehen in religiöser Betätigung einen Organismus schuf, der ihm die volkserhaltende Kraft des Staates zu ersetzen vermochte. Zugleich wurde dem Volke durch seine Religion eine Moral eingeimpft, die sich bereits im biblischen Altertum durch instinktiven Abscheu vor Greueln und Lastern, sowie in einer sprichwörtlichen Milde, zum Beispiel der Könige Israels, kundgab, so daß man mit Rücksicht auf diese Sonderstellung der Juden im alten Orient, die vielfach ausgesprochen gegen die sittlichen Auswüchse der semitischen Umgebung gerichtet war, sie in gewissem Sinne als „Antisemiten" zu bezeichnen ein Recht hätte. So spricht der Talmud (Jebamot 79 b) von einer jüdischen Seelenrasse oder, wenn man will: Rassenseele, indem er als spezifische nationale Eigenschaften der Juden bezeichnet: