Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 321 (sequence 338)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grunwald, Rasse, Volk, Nation. 321 Einfluß auf die gesamte Lebensgestaltung eine Art „Rasse" anerzieht, daß z. B. schon die gemeinsame Diätetik nicht ohne Wirkung bleiben kann. Hierfür braucht man nur an die Erfahrung der Pferdezüchter: „Die halbe Rasse kommt durch das Maul herein" (bei Herz, Moderne Rassentheorien) zu erinnern. Hierfür liefern unter anderem die Russen ein sehr lehrreiches Beispiel. In seinem für unseren Gegenstand überaus wertvollem Buche „Der Judenhaß" sagt Konstantin Brunner (S. 193): „Im russischen Volke hat sich, trotz Verschiedenheit der Rassenabstammung und ungeachtet eines starken Einschlages von Mongolischem, infolge Erziehung durch die besondere Religion und die besonderen Sitten und Lebensumstände in dem besonderen Staate, ein Typus und eine Physiognomie herausentwickelt, den man als besonderen anthropologischen Charakter zu bezeichnen geneigt sein könnte, wenn nicht feststünde, daß er keiner ist." Ja, noch mehr. „Eine beträchtliche Anzahl russischer Juden hat spezifisch russisches Aussehen, obwohl doch diese Juden wahrlich außerhalb der griechisch-russischen Religion und fast ebenso sehr außerhalb des eigentlich russischen Lebens und nicht einmal in einem rechten Verhältnis zur russischen Sprache stehen, also lediglich per contiguitatem. Nach Prüfungen R i p 1 e y s kommt sogar der Kopfindex der Juden Rußlands mit dem der Nichtjuden Rußlands völlig überein." Diese Macht des Milieus konnte ich nicht nur an einzelnen russischen Juden in Europa, sondern selbst an russischen Zionisten in Palästina beobachten, die tränenden Auges hinausliefen, wenn sie von ferne das Psalmodieren vorüberziehender Wallfahrer aus der russischen Heimat hörten. Oder hatte Graf Tolstoi Unrecht, wenn er dem Grabe Lewitans diesen als den russischesten, nationalsten Künstler bezeichnete? Hat nicht Antokolski für Rußland ähnlich empfunden wie für Deutschland dessen vielleicht größter Patriot Börne, „der aus Germaniens stiefmütterlichen Brüsten das glühendste Leben und den bittersten Tod gesogen?" Wer kennt nicht orthodoxe Juden von der Waterkant und liberale Wiens, die den Typus ihrer Vaterstadt in keinem Zuge verleugnen können? Dieses Bodenständigkeitsgefühl, diese Heimatstreue, mit- Grunwald, Jahrb. f. jüd. Volkak. II. 21