Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 316 (sequence 332)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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316 Grunwald, Rasse, Volk, Nation. halb einer der großen, durch viele Jahrtausende lange Entfernung voneinander entstandenen Menschenarten, die schon die ältere Literatur als Rassen bezeichnet. Festzuhalten ist, daß die Juden einer „Rasse" mit den sogenannten Indogermanen sind, und daß innerhalb der Judenschaft in ihrer Gesamtheit eine solche Mannigfaltigkeit von Typen besteht, daß die ausschließliche Züchtung eines bestimmten anthropologischen Charakters trotz aller Selbsteinkreisung in die vom Religionsgesetz gezogenen ethnographischen Grenzen nicht mit Notwendigkeit gegeben ist. Mitunter wird die Weite des Spielraumes dieser Typenmischung bei uns Juden äußerst drastisch zu Gemüte geführt. FelixDahn sprach einst in einer Festrede im Breslauer „Verein der Bayern" in schwungvollen Worten von den teutonischen Recken, als sich die Tür auftat und in der Uniform eines bayrischen Landwehrhauptmannes eine blonde, kraft- und jugendstrotzende „Arminiusgestalt" hereintrat. Sogleich demonstrierte der Redner an diesem willkommenen Modell ad oculos die Vorzüge des unverfälschten Germanentums. Er apostrophierte den eintretenden Offizier mit den Worten: „Da sehen Sie ein Beispiel jener Heldenerscheinungen, die uns ein treffliches Bild geben, wie unsere Vorfahren ausgesehen haben mögen." Auf den Gesichtern zahlreicher Zuhörer, vor allem in den Mienen des „Teutonenurbilds" spielte bei diesen Worten ein Schmunzeln, das alsbald in unbändiges Lachen ausbrach. Der Recke war nämlich der Justizrat Carl L e v y. Auch Dahn stimmte, als er die Ursache der allgemeinen Heiterkeit erfuhr, herzhaft mit ein. Eine ähnliche Episode erzählt man sich von dem bekannten Antisemitenhäuptling Liebermann vom Sonneberg bei einem Auftreten in Kattowitz. Eine Blitzlichtbeleuchtung der Rassentheorie, in der sie als nichts anderes erscheint, denn als eine Variation des Themas: „Die Nase gefällt mir nicht" und eine neue Auflage der Weisheit jenes Engländers, der auf der Durchreise in einem Pariser Hotel von einem rothaarigen Kellner bedient wird und in sein Tagebuch schreibt: „Die Franzosen haben rote Haare."