Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 312 (sequence 328)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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312 Grunwald, Rasse, Volk, Nation. Kahn. In seiner schwungvollen Darstellung „Die Juden als Rasse und Kulturvolk" nimmt Fritz Kahn zwischen den Antipoden „Milieutheoretiker" und „Rassentheoretiker" eine vermittelnde Stellung ein. Rasse definiert er als „Kollektivbegriff für die von einem Menschenzweig durch Natur- und Kulturzucht zur Zeit erreichte Höhe und Art der Individualisation". Rasse ist keine chinesische Mauer, kein Entweder — Oder von Auserwähltheit oder Verstoßensein, sondern das, was Schicksal und Wille aus einer Gruppe von Menschen geschaffen haben. Auf dem Boden der Rasse entwickelt sich die Nation, die in ihrem Nährboden schlummernden Kräfte in einer bestimmenden Kulturrichtung entfaltend. Nation ist Seelenrasse. Das heißt, auf die Juden angewandt: Bis auf eine Nuance, die durch den Zustrom slawisch-mongolischen Blutes der Jude des europäischen Ostens angenommen hat, bilden sie, nach Kahn, seit etwa einem Jahrtausend, vom Religionsgesetz dazu angehalten, durch Not gezwungen, eine anthropologisch umgrenzte Einheit, eine Rasse in dem höheren Sinn einer durch gleichen Milieueinfluß und fortgesetzte Inzucht geschaffene Gemeinschaft, deren Mitglieder sich auch einander körperlich und geistig verwandt fühlen, und eine Nation, die eine Heimat besitzt und einen Staatsverband bildet — in der Idee, im Willen. „Das Lecho daudi übertönt im jüdischen Herzen die Marseillaise der verschiedenen Gastnationen." Das Judentum ist nicht nur Religionsgemeinschaft. Man bleibt Jude, wenn man den jüdischen Glauben aufgibt, während Proselyten, wie die jüdischen Kaukasier, Jemeniten usw., so wenig als Repräsentanten des Judentums zu betrachten sind, wie etwa ein Hottentotte, ein Bure oder ein Inder, obwohl britische Untertanen, als Engländer. Immerhin ist doch das, was die Juden zur Kultur der Menschheit — wohl zu unterscheiden von der Zivilisation — beigetragen haben: der Sittlichkeitswille, den die Propheten Israels in die Welt gebracht. (Mischehen verwirft Kahn.) Mieses. In seiner Studie „Zur Rassenfrage" betont Math. Mieses, daß gerade Proselyten im Judentum eine führende Rolle er-