Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 311 (sequence 327)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grunwald, Basse, Volk, Nation. 3U Rasseninstinkt, sein Selbsterhaltungstrieb dazu, unter allen Völkern Zwist zu nähren, da dieser Zustand seine Daseinsbedingung sei. Dieser Vorwurf, wie die Verdächtigung des Ritualmordes und die Ableugnung oder Abschwächung aller Vorzüge und verdienstvollen Leistungen, findet seine schlagende Analogie in dem Verhalten der Entente gegen die Deutschen. Sie sind Ausgeburten blinden Hasses, der Politik dienstbar gemacht. In der Rassentheorie vereinen sich ein Nachklang des Dogmas von der Gnadenwahl — ein Volk ist erwählt, das andere unrettbar verdammt —, die Grundanschauung der Romantik, gipfelnd im Hegelianismus, nach dem es geheimnisvolle Kräfte, Ideen, sind, die sich in der Individualität der Völker auswirken, und die materialistische, im Darwinismus wurzelnde Geschichtsauffassung, die diese Individualität durch das Blut unlösbar begründet und unentrinnbar bewertet findet. Den Grad des Wertes bestimmt die Macht. Aus der Rassentheorie spricht der Chauvinismus, der sich vom religiösen Fanatismus dadurch unterscheidet, daß er auf lediglich materielle Zwecke abzielt. Er ist aber in einer Verkennung der historischen Tatsachen befangen. Nationalität wird nicht durch Abstammung bestimmt. Erweislich ist Inzucht nicht das Mittel zur geistigen Höher Züchtung. Nation ist nicht Rasse, sondern Kulturgemeinschaft. Rasse im Sinne von Menschenschlag ist nicht Voraussetzung der Geschichte, sondern ihr Produkt. Nicht Rasse erzeugt den geschichtlichen Typus, sondern Geschichte den Rassentypus. Zu dem geographischen Kriterium bei Kautsky tritt hier somit ergänzend das historische. Nicht nur die Anthropologie, auch die Völkerpsychologie bietet kein Fundament für die Rassentheorie. So findet man denn auch alle Juden beigelegten Fehler bei anderen, die an diesen gerühmten Vorzüge bei Juden. Die Pseudowissenschaft der Rassentheoretiker ist nichts als die alte Fabel vom Wolf und Lamm. In der modernen europäisch-amerikanischen Kultur stehen einander zwei unüberbrückbare Gegensätze gegenüber, entweder Rassentheorie, das heißt Rassenantisemitismus, oder Bekenntnis zu den ewigen Gedanken der Bibel. Ein Drittes gibt es nicht.