Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 272 (sequence 287)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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272 Papo, Die sexuelle Ethik im Qorän. notwendig, über etwas anderes die volle Herrschaft1) inne zu haben, über den Sexualtrieb, — und diese Herrschaft hat der Mann verloren und damit auch die Macht über das Weib. Noch in der Zeit der Patriarchen sehen wir, wie Leah und Rahel um ihres Gatten Liebe wetteifern, Jakob hält noch die Zügel; aber dann in der israelitischen Periode setzt bereits der Verfall ein. Der Mann beginnt ein kokettes Weib stürmischer zu lieben als ein keusches2), und das Weib hat die Möglichkeit, den von sexueller Gier erfüllten Mann in ihre Gewalt zu bekommen, bald erkannt und benützt3). Wenn in der Aggada gelegentlich der Betonung der göttlichen Milde gesagt wird: 4) imnK p2n bin nwm n« bbp „Gott hat das Weib verflucht, und doch läuft ihm alles nach", so zeigt sich hier deutlich, wie tief erst gar in talmudischer Zeit das biblische sexualethische Ideal in dem Gedanken der Sittenstrenge des Mannes gesunken war. — Unter solchen Umständen mußte nun notgedrungen die Keuschheitsforderung der Religion von dem Manne an die Frau übergehen. Sie muß die Zurückhaltende sein, wiewohl es in ihrer Macht liegt, den Mann zu allen ihren Wünschen zu bewegen. Sehr deutlich zeigt sich diese Wandlung in einer Parallelisierung eines Talmudausspruches mit einer entsprechenden Bibelstelle: 2b2 rDJMÜ nifiMH 5) i1M B^KiTl „Die Frau soll ihr Verlangen stumm im Herzen tragen, der Mann kann offen mit dem Munde begehren." Vergleicht man hierzu Genesis XXX, 16: mfrOpS mb K2?m . .. *6k IDKffl, so ist der Gegensatz vollständig klar. Auch sonst finden sich in der aggad. Literatur, wiewohl es ganz ausdrücklich nirgends betont erscheint, daß die Wahrung der Sittlichkeit nun in den Händen der Frau liege, mehrere Aussprüche, die unzweifelhaft jene Forderung erkennen lassen. Vgl. die oben zitierten Stellen: Gen. rabba XVII und Gen. rabba XVIII. Auf dem Wege dieser Wandlung ist auch das Christentum dazu gelangt, ein weibliches Ideal der Keuschheit aufzustellen. Bezüglich des Auftretens Mohammeds zeigensich auch in dieser 1) Cf. Genes. IV, 7. 3) Cf. Jud. XVI, 4—22. 5) Erubin 100*. 2) Cf. Jud. XIV, 3. 4) Joma 75 V