Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 273)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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258 Papo, Die sexuelle Ethik im Qorän. VIII. Keuschheit. Es ist vielleicht in der Natur des Ausdruckes begründet, daß die Bezeichnung Keuschheit in so mannigfacher Beziehung aufgefaßt werden kann und ihr Begriffsinhalt so mangelhaft bestimmt erscheint. Bezeichnet man doch mit diesem Ausdrucke sowohl sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe, wie gesittetes Sexualleben in der Ehe, ebenso Scheu vor der Entblößung der Sexualorgane sowohl der eigenen Person als auch anderen, auch desselben Geschlechtes, gegenüber und schließlich lebenslängliche sexuelle Enthaltsamkeit. Wenn ich nun auch für die mit der Benennung Keuschheit zu verbindenden Begriffe mit den 5 aufgezählten, die übrigens einander nicht ausschließen, keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit erhebe, so erscheint dennoch schon durch eben diese erwähnten der Beweis erbracht, daß die Terminologie hier nicht einwandfrei ist. In dem Bestreben, durch ein an allen mit diesem Terminus zu verbindenden Begriffen gemeinsames Si- -jjf mile eine genaue Definition zu geben, müßte man den Umfang des Begriffes sehr erweitern und könnte höchstens etwa aufstellen: „Keuschheit ist religiöse Scheu vor Sexuellem", selbstverständlich leidet bei einer derartigen Umfangserweiterung die Eindeutigkeit der Bestimmung sehr. Immerhin muß auch bei einer auf diese Art konstruierten Definition das religiöse Moment betont werden; denn Keuschheit und Religion sind nach landläufigen Anschauungen Faktoren, deren Trennung unmöglich erscheint. Doch auch schon im Altertum liegt eine innige Verbindung dieser beiden Momente vor. Freilich wird mir da entgegengehalten werden, bei wievielen Völkern gerade die Unkeuschheit durch die Religion großgezogen wurde; aber ich behaupte ja auch gar nicht, daß dort, wo eine Religion, ein Kult da war, er die Keuschheit mit sich brachte, sondern ich will sagen, daß überall, wo die Keuschheit hochgehalten und verehrt wurde, sie auf Religion, auf Kult basierte, zum mindesten soweit damit verbunden war, daß alles Sexuelle von jenem Kulte ferngehalten wurde und als verunreinigend galt. Für den Ethiker gilt sicherlich das Verhältnis eines Volkes, resp. seines Kultes zur Keuschheit als Maßstab für seinen