Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 217)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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204 P a p o, Die sexuelle Ethik im Qorän. läßt sich bei Baidhäwi nicht nur die Absicht vermissen, den Widerspruch zu glätten, sondern ihn auch nur zu bemerken. Von andrer muslimitischer Seite wird nach Weil1) versucht, die Kontradiktion in der Axt zu beheben, indem das Verbot als das zuerst erschienene, der Vers mit der Erlaubnis aber später geoffenbart, als Aufhebung dieses Verbotes gilt, wobei man sich allerdings einer These bedienen mußte, die besagt, daß die Aufeinanderfolge der Verse im Koran mit der chronologischen Reihenfolge nicht identisch ist, ähnlich dem in spättalmudischer Zeit aufgestellten Lehrsatz: 2)rmm "imND ]W DlplD pK. An der fehlenden Chronologie im Koran festhaltend, diese jedoch nach andrer Art auslegend, nimmt Weil3) und in Übereinstimmung mit ihm Nöldeke4) an, die Erlaubnis sei wohl früher erschienen und zwar in jenen Jahren, da Mohammed im Übermaß seiner Sinnlichkeit jedes Hindernis für seine Person beseitigt haben wollte, das Verbot jedoch viel später, als er bereits der sexuellen Vollkraft entbehrend, sich mit der Zahl der ihn umgebenden Frauen begnügen wollte. Doch kann auch diese Lösung nicht die unbedingt richtige sein. Für den Ethiker ergeben die Verse in der Reihenfolge, wie sie im Koran stehen, ein genaues psychologisches Bild des Verfassers. Der erste Vers, erfüllt von sinnlichem Verlangen nach jedem Weibe, das die Sinne reizt; der zweite dagegen stellt die Stimme des sittlichen Gewissens dar, die dem Ausschweifenden Halt gebietet. Wenn man nun auch so weit geht, anzunehmen, daß sich diese in Mohammed zur Zeit seiner sinnlichen Erregung nicht mächtig genug erwies, so darf man doch sicherlich behaupten, daß sie sich nach der sexuellen Ausschreitung umso mächtiger bei ihm fühlbar machen konnte. Es kann demnach die Annahme bestehen, die beiden sich widersprechenden Verse lägen zeitlich nur soweit auseinander, als ein besonderer sexueller Exzeß Mohammeds dazwischenliegen kann, welcher eine gewaltige Ernüchterung zur Folge hatte, in welcher Anwandlung eben der zweite Vers gesprochen sein mag. Gerade in dieser Hinsicht war es eben Mohammed, der den Orientalen im allgemeinen fast in allem überragte, unmöglich, sich über den Morgenländer empor- 1) Weil, 1. c. S. 360. 2) Kohel. rabba zu I, 12. 3) Weil, 1. c. S. 358. 4) Nöldeke, 1. c. S. 155.