Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 119)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grrunwald, Das „Lernen". 109 der meist ein weltbekannter Gaon war, und die Maschgichim überwachten in der Jeschiwah selbst das Lernen sowie außerhalb der Jeschiwah das Privatleben der Bachurim. „Weiberchatoim" (sittliche Ausschreitungen) kamen selten vor, dafür viele „Haskolo-chatoim" (Freigeistereien). Des Nachts überraschte man Bachurim bei verbotenem Studium oder verpönter Lektüre. Das gab Sensationen („maassim") in der Jeschiwah. Das Auge des Maschgiach war allgegenwärtig. Die Mietsleute standen in seinem Polizeidienst. Sie selbst hielten das Lesen von „Haskolo"-Büchern für sündhaft und überdies hatten sie zu besorgen, der Maschgiach könne ihre Wohnung in Verruf bringen, bei ihnen zu mieten den Bachurim untersagen. Mehrere Male des Nachts durchstreiften die Jeschiwah-Organe die Gassen, in denen Bachurim wohnten. Bemerkten sie Licht in einer Wohnung, so kontrollierten sie sogleich, womit sich der Bachur so spät beschäftigte. Bei Verdächtigen pflegte man in ihrer Abwesenheit eine Hausdurchsuchung vorzunehmen. So streng die Maschgichim auch verfuhren, sie erreichten nichts. Ertappten und relegierten sie einen „Maskil" (Freigeist), so tauchten an seiner Stelle fünf neue auf. Es ist eine Tatsache, daß die ganze Haskala-Bewegung keine stärkere Stütze hatte als die Jeschiwah. Sie war der gegebene Ansteckungsheid. Sitzefleisch hatte die lernende jüdische Jugend nicht. Lange eine und dieselbe Jeschiwah besuchen war eine Seltenheit. Meist nach einigen Semestern (s'manim) ging man auf eine andere Jeschiwah, nicht weil diese im Range höher stand, sondern weil man sich an der alten Kost bereits gesättigt hatte und an einem anderen Orte nunbesser zu lernen hoffte. „Wandere aus nach einem Orte der Thora" ist ein alter jüdischer Weisheitssatz, der ständig in der lernenden jüdischen Jugend gelebt hat. Vom Elternhause fuhr der Bachur in die Fremde, um Thora zu lernen. War er dort heimisch geworden, wanderte er wieder weiter nach einer anderen Jeschiwah, in eine andere Stadt. Manchmal erwachte in einem solchen Bachur ein Verlangen nach „Hithbodeduth", nach stiller Zurückgezogenheit. Er verließ dann die Jeschiwah gänzlich und zog sich in ein kleines