Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 111)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grunwald, Das s Lernen". kommen hinein, um zu beten und zugleich zu lernen. An den hinteren Tischreihen lernen die verschiedenen Vereinigungen: „Schaß", „En Jakob", „Chaje Adam" usw. Auf den vorderen Sitzen lernen die Mitglieder einzeln für sich. Am Samstag, dem allgemeinen Ruhetage des jüdischen Städtchens, sind die Nachmittagstunden, nach genossenem Mittagsschlaf, die wichtigsten fürs Lernen. Die ausgeruhten Juden mit ihrem schweren Magen und schwerem Kopf lernen fleißig, „was sie kennen". Die Luft im Städtchen ist in diesen Stunden voll von „ Jüdischkeit"; die Sabbatruhe wird durchhallt von den melancholischen Psalm- und Talmudmelodien. Aus den Fenstern dringen auf die Gasse hinaus die monotonen Weisen murmelnder Frauen und nichtgelehrter Männer, die „Perek" („Sprüche der Väter") oder Psalmen „sagen" oder die „Z'enah ur'enah" (agadischmidraschischer Bibelkommentar in jüdisch-deutscher Sprache) lesen. Im Bethamidrasch hingegen ist ringsum die Luft voll vom Summen der Lernenden. Vor dem Mincha-Gebet geht selten jemand spazieren oder auf Besuch; vorher lernt man etwas oder man geht ins Bethamidrasch, um was zu lernen. — Die Stunden nach dem Nachmittagsschlaf sind die Zeit für die höchsten Erhebungen der Seele, die sich nach und nach bis zur Verzückung potenzieren. Die schmerzerfüllte jüdische Seele erlangt erst jetzt ihre ganze Empfindungsstärke und Ausdrucksfähigkeit und klagt ihr unsagbares Leid in den wunderlichen Schnörkeln althergebrachter Töne. Die stille Talmudmelodie erhebt sich zu einem mächtigen Massengesang, in dem die Sehnsucht des „gefangenen Königssohnes" zum Ausdruck kommt, und die ganze verschlafene Natur der Umgebung erfüllt sich mit der schamhaft und zaghaft verhüllten jüdischen Sehnsucht. Denn das Wesen des jüdischen Lernens liegt nicht bloß im Erfassen und Deuten des gedruckten Buchstabens, sondern auch im gesprochenen oder richtiger gesagt im gesungenen Worte des Talmuds; zum Talmudlernen gehört: singend hersummen eine Anzahl von Talmudfolien. Das Volk lebt sich aus im Volksliede, der Chassid in den chassidischen Weisen und ,,Semiroth" (Sabbat-Dichtungen); der Lerner aber in den Gemaramelodien. Schon im Cheder lehrt der Melamed seine Schüler die Bibel mit einer eigenen Melodie, Talmud schon mit