Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 110)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grunwald, Das .Lernen". 101 Zwischen „Mincha" und „Maariw" (Nachmittag- bzw. Abendgebet) trug er den Mitgliedern aus dem „Ejn Jakob" (Agada- Sammlung) vor, Samstag aus dem Wochenabschnitt der Thora, und von Zeit zu Zeit hielt er auch eine „Draschah" (Predigt). Hierfür erhielt er sogenannte „Tage" (je einen Tag wöchentlich Kost am Tische wohlhabender Vereinsmitglieder) und etwas Geld. Viele Vereine begnügten sich nicht mit diesem Vereinsrabbi; ihre Ambition reichte weiter und sie hatten das Verlangen, daß in ihrem Bethamidrasch mehr gelernt werde, als in anderen, daß ihr Bethamidrasch sozusagen ein „Ort der Lehre" sei. Zu diesem Zwecke brachte man aus der benachbarten größeren Stadt Jeschiwah-Bachurim (talmudische Hochschüler), die in ihrem Bethamidrasch dem Thorastudium obliegen mußten und dafür ihre „Tage" erhielten. Bachurim, die auf Jeschiwahruf etwas gaben, suchten sich gewöhnlich Plätze in bürgerlichen Batte Midraschim; dagegen wurden Plätze in Handwerkervereinen von jenen Bachurim vorgezogen, die auf einen guten „Tag" Wert legten. In diesen Kreisen pflegte man die Bachurim besonders gut zu pflegen und in Ehren zu halten. Der Handwerker im jüdischen Städtchen gab „Tage" auch den Bachurim aus anderen Vereinsbethäusern; aber „seinem" Bochur gegenüber hielt er es für eine Pflicht. Passierte er zufällig im Laufe des Tages gelegentlich einer Arbeitsablieferung oder dergleichen das Bethamidrasch, dann wuchs ihm das Herz vor Freude, wenn „sein" Bethamidrasch von den jugendlichen Stimmen der Lernenden widerhallte. „Seine" Bachurim täuschen nicht Gott und Menschen; sie sitzen und lernen in den süßen, der Seele wohltuenden Melodien. Das Bethamidrasch ist tagsüber offen. Es lernen der Jeschiwah-Bochur, der Rabbi, die erwachsenen Bachurim und die sogenannten „Kost"-jungen Leute. Das sind alles Berufslerner. Aber auch ein Geschäftsjude kommt zuweilen hinein. Mitten im hastigen Umherjagen wegen eines „Gemiluth- Chesed"-Darlehens (nutzenlose kaufmännische Hilfe) oder einer Geschäftsvermittlung macht er einen Abstecher im Bethamidrasch, um in der Eile ein „Blatt Gemara" zu verschlingen. Abends, nach vollendeter Tagesarbeit, wird das Summen im Bethamidrasch stärker; die abgeplagten ermüdeten Mitglieder