Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 109)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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100 Grunwald, Das „Lernentf. Handwerker. Aber man lernt in den Mußestunden; man lernt, um sieh herauszuheben aus der Alltagswelt und für einen Moment die Niedrigkeit und Mühsal des gewöhnlichen Lebens zu vergessen; man lernt um des gottgefälligen Werkes willen oder auch zum Vergnügen: Gibt es denn einen höheren Genuß als „Lernen"? Wohin ergießt sich ein in Schmerz und Kummer aufgelöstes Herz besser als in ein „Stück Gemara"? Und wie können die vielen Mühseligkeiten des Lebens leichter vergessen werden als während des Lernens? Die jüdisch-litauische Gemeinde steht in unaufhörlichem Kampfe ums tägliche Leben. Der Tag bricht an mit seinen beruflichen Sorgen und das ganze Denken und Fühlen der Gemeinde geht auf in der Frage: woher das Existenzminimum, wovon leben? Aber der Ausgang des in schwerer Arbeit durchlebten Tages ist immer: Lernen. — Auch der Angelpunkt des ganzen gesellschaftlichen Lebens ist das Lernen. Kommen Juden zusammen, so erzählen sie sich immer etwas vom Lernen. Das Gesprächsthema ist entweder irgendwelche „D'raschah" (talmudischer Vortrag) oder ein „Stück Thora" (so werden die all sabbatlichen biblisch-exegetischen öffentlichen Vorträge genannt) oder man erzählt sich: der oder jener habe gesegnete Kinder, sie lernen fleißig; der habe einen „guten Kopf", jener wäre ausdauernd im Lernen (mathmid) usw. Die vielen Vereine in der Stadt standen größtenteils mit dem Lernen in Zusammenhang; Lehrvereine für ,Schaß" (übliche Abkürzung für das Gesamtwerk des Talmuds), „Chaje Adam" (populäres Sammelwerk ritueller Vorschriften) und „Mischnajoth" (Mischna-Sammlung) gab es in jeder Betstube. Aber auch die Handwerkervereine standen dem Lernen nicht fern. Schneider, Schuster, Fleischhauer usw. hatten ihre „Genossenschaften" und gründeten sich eigene Bethäuser, weil sie sich in der Gesellschaft von Bürgerlichen nicht recht wohl fühlten. Dort konnten sie nur sehr selten zu einer „besseren Alijah" (Aufruf zum Vorlesen aus der Thora) kommen; im eigenen Bethamidrasch hingegen wurden sie als vollwertige Bürger behandelt; aber Zweck war doch immer das Lernen. Jeder Verein hatte seinen Rabbi; gewöhnlich einen alleinstehenden jungen Mann, der den ganzen Tag im Bethamidrasch, mit seinen eigenen Studien beschäftigt, zubringen mußte.