Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
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Grrunwald, Das „Lernen*. 99 wurden aus dem Cheder oder der Talmudthora genommen und zu Handwerkern in die Lehre gegeben. Aber das hieß nicht den Knaben zum Mensehen heranbilden, ihm einen Beruf geben. In gut bürgerliehen Kreisen tat man dies nur, um einen Tunichtgut (scheqec) los zu werden, damit er nicht müßig herumlungere. Er hat nicht lernen wollen, so soll er ein Joch tragen. Hatte jedoch das Kind ein ruhigeres Temperament und war es zum Sitzen im Bethamidrasch geeignet, da sah man nicht auf seine Fähigkeiten und fragte nicht, ob der Knabe es zu etwas bringen könne. Mit der äußersten materiellen Kraftanstrengung der Eltern, auch mit Hilfe der Wohltätigkeit anderer ließ man das Kind studieren. In bürgerlichen (balbatischen) Häusern achtete man nicht darauf, ob das Kind eine Neigung zum Lernen habe; gezwungen durch die Eltern, mußte es bis zum Eintritt in den Ehestand lernen. Nur in besonderen Fällen, wenn zu befürchten war, daß der Knabe ausarten werde (Ptarbus raah), beeilte man sich, ihm rechtzeitig geschäftlich Pflichten aufzuerlegen. So war die ganze Welt des jüdischen Kindes ausgefüllt von dem einzigen Begriffe: „Lernen". Die kindlichen Hoffnungen und Phantasien über Großes im Leben drehten sich einzig um diesen Begriff. Ein „Iluju (genial Veranlagter) als Knabe, ein Gaon als Erwachsener, das wrar die Heldenlaufbahn, der Stoff, aus dem sich das jüdische Kind seine phantastischen Lebensbilder gestaltete. Zum Unterrichtsbeginn, zum sogenannten „Aleph-Beth" wurden alle Kinder, arm und reich ohne Unterschied, in einen „Talith" (Gebetmantel) gehüllt, zum Anfänger (dardeqe)-Melamed getragen und jedem Kinde warf ein Engel von oben Geld herunter. Erst beim Gemara(Talmud)-Studium gehen die Wege auseinander. Das bürgerliche Kind kommt ins Cheder, das arme in die „Talmud-Thora", um einander dann in der Jeschiwah (Hochschule) wieder zu begegnen. Sind die Knaben zu Männern herangewachsen, jeder nach seinen Schicksalen und Fähigkeiten, haben sie sich verheiratet, sind sie Familienväter und mit Existenzsorgen beladene Menschen geworden, dann beginnt das Lernen einen wichtigen Platz in ihrem Leben einzunehmen. An ein zweckmäßiges (tachlith) Lernen denkt man da gewiß nicht, da doch jeder seinen Beruf hat: Krämer, Kaufmann oder 7*