Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 107)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Das „Lernen". Ein Ausschnitt aus dem Kulturleben der litauischen Juden. Nach Aufzeichnungen von J. L. Vom Herausgeber. „Lernen", nicht um sein Wissen um die Dinge der Welt zu erweitern, sondern weil es religiöse Vorschrift ist; lernen nicht zu Berufszwecken, sondern ziel- und zwecklos, nur um zu ,,kennen", v/eil „wer lernen kann, alles kann" — „Ein Gemara- Kopf ist zu allem in der Welt befähigt" — „Ein ,Lerner' kann alles werden: Rabbiner, Melammed, Schochet; von einem Handelsmann in allen beliebigen Zweigen gar nicht zu reden" —, dies waren die Begriffe vom „Lernen" im russisch-jüdischen „Rayon". Bei Erziehung von Kindern, Versorgen von Kindern, im gesellschaftlichen Leben, — überall und zu jeder Zeit spielte das „Lernen" die Hauptrolle beim litauischen Juden. Kinder mußten alle Gelehrte werden; es war kein Kind, das nicht ein „Cheder" besucht hätte, und waren die Eltern mittellos, so ging es in die „Talmud-Thora". „Thora ist die beste S'chora (Ware)" war ein Hauptmotiv im jüdischen Volkslied, wie im jüdischen Leben. Landesüblich war der Kosename „Mein Brisker-Rowele" im Munde der jüdischen Mütter für ihren Liebling in der Wiege. Lernt man, so hieß es, ist man schon ein fertiger Mensch; man adelt sich und die Familie, und wenn man lernen kann, ist man jeder Sorge enthoben: man kann schon leben. Es trifft sich eine gute Partie mit einem Tausend Rubel Mitgift und mehreren Jahren „Kost" an Schwiegervaters Tisch und man ist versorgt. Arme Kinder, die keine Versorger hatten,