Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wiesner, Die Wertung der Geschlechter. 93 Das Interesse für das Geschlecht des zu erwartenden Kindes war bei den Eltern überaus lebhaft und äußerte sich bereits im frühesten Stadium seines Keimens. Es fand zunächst seinen Ausdruck in einem kurzen Gebete des Vaters: „Möge es der Wille Gottes sein, daß meine Frau einen Knaben gebäre"1). Ein solches Gebet war jedoch nur während der ersten Periode . der Erwartung, die mit dem 40. Tage begrenzt war, statthaft; nach diesem Zeitraum wäre das Gebet, da die Frucht unter allen Umständen als bereits geschlechtlich differenziert galt, ein vergebliches und zweckloses gewesen (KW Jl^D)2). Es soll sich allerdings, einer alten Überlieferung gemäß, beim siebenten Kinde der Stammutter Lea, auf deren Gebet hin, das erwartete männliche Kind in ein Mädchen (Dina) verwandelt haben. Dieser ausnehmende wunderbare Fall wurde jedoch von den Rabbinen als nicht beweiskräftig und für die Diskussion als belanglos bezeichnet3). Begreiflicherweise steigerte sich die Neugierde der Frau nach dem Geschlechte des neuen Wesens in dem Grade als letzteres erblickte. Er selbst heiratete, wie er von sich selbst berichtet, mit sechzehn Jahren und gibt seinem Bedauern Ausdruck, nicht schon früher geheiratet zu haben (Kidduschin 29 b). Es darf angenommen werden, daß er auch seine Söhne so früh als möglich verheiratet hatte. Und wenn er den Rat erteilt, Töchter frühzeitig zu verheiraten, so wird er sicherlich diesen Rat bei seinen eigenen Töchtern nicht außer acht gelassen haben. Von einer seiner Töchter erzählt er selbst, daß ihre Verlobung schon im zarten Alter stattgefunden hatte (Kidduschin 81b). Für die Einhaltung dieses Prinzipes bei seinen Enkelkindern, vielleicht auch Urenkelkindern, sprechen die sechzig Hochzeiten, die er in seinem Hause feiern sah und die wir, in Anbetracht des hohen Alters, welches er erreichte, keineswegs als Übertreibung anzusehen haben. Auch sein Schwiegersohn, Rabin, erteilt seinem Schüler Nathan b. Ami den Rat, seinen Sohn mit sechzehn Jahren zu verheiraten (Kidduschin 30a, s. Rasi). Kann es da so merkwürdig erscheinen, wenn R. Chisda, der sich im hohen Alter von zahlreicher Nachkommenschaft umgeben sah, die er zumeist der Frühverheiratung der weiblichen Sprößlinge seiner Familie verdankte, glücklich und befriedigt den Ausspruch tat: mir sincr Töchter lieber als Söhne? 1) M. Berachoth IX, 3. 2) Berachoth 60 a. 3) Daselbst. Vgl. Jer. Ber. IX, 3, Gen. r. 72, 6, Tanch. B. Wajeze 19, Tanch. (Wien) S. 37.