Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 101)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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92 Wiesner, Die Wertung der Geschlechter. mutige Wort: mir sind Töchter lieber als Söhne1). Aus dem Gesichtspunkte der rascheren Vermehrung begrüßt es R. Chisda als ein besonderes frohes Familienereignis, wenn schon die Erstgeburt ein Mädchen ist. Eine Tochter zuerst, sagt er, ist ein günstiges Vorzeichen für zahlreiche Nachkommenschaft2). 1) B. bathra 141a. 2) Daselbst. —Die Kommentatoren haben den Ausspruch R. Ghisdasr daß ihm Mädchen lieber seien als Knaben (vno *h wiy jnas hhS) als höchst befremdend gefunden und ergingen sich in gezwungenen und höchst unhaltbaren Erklärungsversuchen. Siehe Rsbm und Tosafoth zur Stelle. Nach Juchasin (Art. Chisda) wollte R. Chisda damit sagen: Söhne lassen es zweifelhaft erscheinen, ob sie sich durch Gelehrsamkeit auszeichnen werden, meine Töchter aber werde man wegen meines Ansehens gerne zu Frauen nehmen, eine Erklärung, die, wie man zugeben wird, ebenfalls wenig befriedigt. Um diesen Ausspruch R. Chisdas zu verstehen, müssen wir zunächst seinen zweiten Ausspruch nSnn na o^aS 7\& p*D ins Auge fassen. Dieser Ausspruch wurde, so kühn die Behauptung erscheinen mag, schon von den folgenden Amoräern und den Redaktoren des Talmud ganz unrichtig aufgefaßt. Die Erklärung der no*n io^k, welche zwischen einer erstgeborenen Tochter und den ihr folgenden Söhnen pädagogische Beziehungen herstellen will, zeigt eben, daß der Ausspruch mißverstanden wurde. Zweifellos sind beide Aussprüche R. Chisdas miteinander verwandt und fließen aus dem einen Grundgedanken, daß weibliche Geburten eine raschere und größere Vermehrung der Nachkommenschaft verbürgen, welcher Gedanke bereits in den palästinensischen Schulen auf Grund von Gen. 6, l in dem Satze nbiyb naa n"m zur Ausprägung kam, in welcher Form er bei der Geburt einer Tochter häufig sprichwörtliche Anwendung fand * (Gen. r. 26, 4, B. bathra 16b, s. Bacher, Ag. babyl. Amoräer S. 66 und 85). Ganz in demselben Sinne hören wir auch an anderer Stelle R. Chisda den Eltern den praktischen Rat erteilen, ihre Töchter vor dem zwanzigsten Lebensjahre zu verheiraten, weil dadurch die Dauer ihrer Fruchtbarkeit verlängert und eine größere Nachkommenschaft erzielt werde (B. bathra 119a). Um so größer aber ist die Aussicht und um so wahrscheinlicher die Erfüllung des Wunsches auf das Erleben und Sicherfreuen zahlreicher Sprößlinge, wenn schon das erstgeborene Kind eine Tochter ist. Das der Sinn des Prognostikons: wnb ns> ]WD nSnn na, wobei unter D*aa nicht im engeren Sinne „Söhne", sondern allgemein, Kinder, zu verstehen ist, wie o^aa nSn asya (Gen. 3,16) oder ntpa n*aa nnS nbv (Deuteron. 23, 9). S. Jebamoth 77b. Nun wissen wir von R. Chisda, daß sein Streben von früher Jugend auf die Erlangung einer zahlreichen Nachkommenschaft gerichtet war, und daß er das Mittel zur Erreichung dieses Zieles in der Frühheirat