Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
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Wi esner, Die Wertung der Geschlechter. 91 zwischen den zwei bedeutenden Lehrern Palästinas, R. Jochanan und R. Simon b. Lakisch. Ersterer bekannte sich zu der erwähnten Auffassung der rascheren Vermehrung durch Mädchengeburten, sich auf das Schriftwort berufend: Und es geschah, als die Menschen anfingen, sich auf der Erde zu vermehren, da ihnen Töchter geboren wurden. (Gen. 6, l). Darauf versetzte letzterer, in sarkastischer Umdeutung des Wortes T\h in 2^, nicht Vermehrung (n^Sl), sondern Streit und Zank (rQ'Hö) komme durch weibliche Geburten auf die Welt. Er apostrophiert weiter seinen Gegner: nach deiner Auffassung hätte Gott dem Hiob, da er ihn am Ende seiner Leiden alles zweifach wiedergab, auch seine Töchter verdoppeln müssen. R. Jochanan erwiderte: allerdings wurden die Töchter Hiobs, wenn auch nicht an Zahl verdoppelt, dafür aber, wie ihre Namen erkennen lassen, mit doppelter Schönheit ausgezeichnet1). Einen überaus warmen Vertreter des weiblichen Geschlechtes lernen wir in R. Chisda, dem Oberhaupte der Hochschule zu Sura in Babylon, kennen2). Dieser Lehrer erfreute sich überaus glücklicher Familienverhältnisse. Während seines langen Lebens — er wurde 92 Jahre alt —3) feierte er sechzig Hochzeiten in seinem Hause und sah sich von einer großen Schar von Enkelkindern umgeben4). Im Hinblicke auf seine zahlreiche Nachkommenschaft, als Folge des von ihm befolgten Prinzipes der Frühverheiratung seiner Kinder und Enkel, und in Bewunderung des bei Mädchen früher als bei Knaben hervortretenden Intellektes5), bekannte er sich, im Gegensatze zur allgemeinen Anschauung, und allen Vorurteilen zum Trotze, als warmer Anwalt des weiblichen Geschlechtes und sprach das 1) B. bathra 16b, s. Rasi z. St., Midr. Lekach Tob zu Genesis 6, l. — Vgl. meinen Aufsatz „Kindersegen und Kinderlosigkeit im altrabbinischen Schrifttume" in Monatsschrift für Gesch. und Wissenschaft des Judentums. 66. Jahrg. S. 44, Anmerk. 6. 2) Vgl. Nedarim 41 a, oben. 3) Meöd Katan 28a. 4) Daselbst. 5) Niddah 45 b. — Die Deutung des Wortes pn stammt von dem nahezu um ein Jahrhundert älteren Jose b. Simra. Vgl. Ge. nr. 18 Am*.