Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 98)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2638044-2638085-2638086--2575-2639949- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wiesner, Die Wertung der Geschlechter. 89 Es wurde indessen auch als möglich angenommen, daß die geschlechtliche Differenzierung sich unter Umständen bis zum vierzigsten Tage der Schwangerschaft verzögert, weshalb das Gebet um Männlichkeit des Kindes innerhalb dieses Zeitraumes noch gestattet ist. Von anderen, das Geschlecht des Kindes möglicherweise beeinflussenden Faktoren wird im Talmud noch die Einwirkung örtlicher Verhältnisse erwähnt. Im Süden Palästinas gab es eine Stadt, in welcher alle Frauen Knaben gebaren und deshalb Kephar-Dicherin, Stadt der Männlichen, genannt wurde. Diese Stadt übte natürlich auf alle Frauen große Anziehungskraft aus. Wollte eine Frau dieses Ortes einem Mädchen das Leben schenken, so mußte sie einen Domizilwechsel vornehmen1). Wir würden jedoch über die Wertung der Geschlechter in der talmudischen Zeit nur einseitig unterrichtet sein, wenn wir nach dem Bisherigen annehmen wollten, daß die Bevorzugung des männlichen Geschlechtes ohne jeden Widerspruch blieb. Wir begegnen vielmehr bei den höchsten talmudischen Autoritäten der Anschauung, daß alle Ursache vorhanden sei, die Geburt eines weiblichen Sprößlings als ein Ereignis freudigster Art zu begrüßen, und daß ein solches Ereignis für die Familie an Bedeutung die Geburt eines Knaben übertreffe. Es wurde bereits berührt, daß die heilige Schrift als Einleitung zum letzten Abschnitte der Lebensgeschichte Abrahams, nachdem uns vorher vcm Wohlstande und häuslichen Glücke des Patriarchen ausführlich erzählt wurde, von neuem berichtet, Gott habe Abraham im Alter mit allem gesegnet. Der Inhalt dieses neuen Segens, so wird argumentiert, konnte doch nur etwas sein, was die Töchter hingegen dem Vater zugeeignet werden, was darauf hindeutet, daß bei männlichen Kindern die Mutter, bei weiblichen der Vater der geschlechtsbestimmende Teil ist. So Gen. 22, 20, 23. Das. 46,15, Lev. 12,2, Numeri 26,46, I. Chr. 2,48,49, 4,18. Niddah 31a, Lev. r. 14,19, Tanch. B. Thasria 4, Tanch. (Wien) 153b. 1) Jer. Taanith IV, 5, Echa rabbathi Kap. 2 zu ySn. In b. Gittin 57 a wird der Name der Stadt davon abgeleitet, daß die Frauen zuerst Knaben, dann Mädchen bekamen. Neubauer, Geographie des Talmuds, identifiziert die Stadt mit dem Dorfe Dhikrin, nördlich von Eleutheropolis. Auch Klein, Geographie Palästinas (hebr.), Wien, Menorah, 5682 setzt die Stadt in jene Gegend.