Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Wiesner, Die Wertung der Geschlechter. Gebiete auch Weisungen und Ratschlägen physiologischer Natur und stoßen dabei auf die nicht uninteressante Tatsache, daß sich bereits die talmudischen Lehrer mit der alten und ewig neuen Frage der willkürlichen Geschlechtsbestimmung befaßt haben. Der Talmud vertritt die grundsätzliche Auffassung, daß das Geschlecht des Kindes schon bei dem Generationsakte entschieden wird. Von der Annahme ausgehend, daß auch die Frau Samen absondere, entsteht ein Knabe aus dem männlichen, ein Mädchen aus dem weiblichen Samen. Die Entscheidung wird dadurch herbeigeführt, daß der zweite Same über den ersten die Superiorität erlangt und bestimmend wirkt. Es erweist sich somit gerade der passionierten Teil als der inferiore, da die Entscheidung stets von dem anderen, dem entgegengesetzten Geschlechte herbeigeführt wird. Ein Lehrer wählt hierfür das treffende Gleichnis von zwei Malern, von welchen keiner das eigene, sondern nur das Bild des anderen malen könne1). Auf Grund dieser Theorie erschien die Frage der willkürlichen Geschlechtsbestimmung auf die einfachste Weise gelöst. Es handelte sich beispielsweise bei der gewollten Gewinnung eines Knaben nur darum, die Erregung der Frau auf den höchsten Grad zu steigern, damit die Lösung ihres Spannungszustandes vor dem des Mannes erfolge und letzterer sich entscheidend zur Geltung bringen könne. Zur Erzielung dieser Wirkung erteilen die Rabbinen mehrere praktische Winke und Ratschläge2), von deren Unfehlbarkeit der Lehrer R. Ketina so fest überzeugt war, daß er den Ausspruch tat, er sei imstande, ganz nach seinem Willen lauter Knaben hervorzubringen3). R. Jonathan (b. Eleazar) stellt die Theorie auf, daß in jenen Fällen, in welchen die Frau der werbende Teil ist, in der Regel tüchtige Knaben zu erwarten sind4). 1) Lev. r. 14, 9. 2) Erubin 100b, Niddah 31b, 71 a, B. bathra 10b, vgl. Pesachim 72b. 3) Niddah 31b. 4) Erubin 100b, Nedarim 20b, s. z. St. Samuel Edels. — Beachtenswert ist das Verankern dieser Theorie in der hl. Schrift. Es wird darauf hingewiesen, daß an mehreren Stellen die Söhne der Mutter,