Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 90)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiesner, Die Wertung der Geschlechter. 81 bedeutet, er schenke dir Söhne, diese bilden den wahren Segen1) ,,und er behüte dich", das besagt, er gewähre dir Beistand bei der Beschützung deiner Töchter, weil diese, wie hinzugefügt wird, des erhöhten Schutzes bedürfen2). Die große moralische Verantwortung, welche den Vater von Töchtern belastete, erfüllte ihn stets mit bangen Sorgen und raubte ihm die Ruhe am Tage und den Schlaf in der Nacht. Ben-Sira meint deshalb, eine Tochter bilde für den Vater einen zweifelhaften Schatz, da er ihretwegen in jeder Phase ihres Lebens voller Sorge und Unruhe ist3). Bei der Erörterung der Frage, ob Abraham eine Tochter hatte, meinten einige Lehrer, daß dies der Fall war, denn es heißt, Gott hatte Abraham in seinem Alter mit allem „gesegnet" (Gen. 24, l), womit gesagt wird, er habe ihm auch eine Tochter gegeben. Demgegenüber behaupten andere Lehrer: der Segen bestand eben darin, daß er ihm keine Tochter gab4). In zweiter Reihe spielte bei dem Wunsche, männliche Kinder zu bekommen, das wirtschaftliche Moment eine Rolle. Von einem Sohne konnte erwartet werden, daß er, früher oder später, selbst sein Brot finden werde, eine Tochter hingegen war bis zu ihrer Verheiratung auf ihren Vater angewiesen. Selbst nach ihrer Verheiratung beherrschte den Vater noch die Furcht, sie könnte als Witwe oder infolge Disharmonie in der Ehe in sein Haus zurückkehren und ihm wieder zur Last fallen. Den Unterschied der Erwerbsfähigkeit der beiden Geschlechterfindet ein Lehrer in volksetymologischer Weise schon in deren Bezeichnung ausgedrückt. "DT *1M fit, fnpj HfcO STpJ; der Knabe hält schon bei seiner Geburt sein Brot in der Hand, das Mädchen aber kommt mittellos auf die Welt, ihr Unterhalt muß von anderen bestritten werden5). R. Simon, dem Sohne des Patriarchen R. Juda I, wurde eine Tochter geboren, worüber er verstimmt war. Da begegnet ihm R. Chija, der Freund des Patriarchenhauses, und beglückwünscht 1) Vgl. Num. r. 20,19 zu Gen. 30,27b. 2) Num. r. 11,5, Tanch. B. Nasso 18, Tanch. (Wien) 197a. 3) Ben-Sira 42 (10-13), Sanhedrin 100b. 4) B. bathra 16b, Gen. r. 59,7, Tosephta Kidd. V, 17 443,2«. 5) Nidda 31b. Grunwald, Jahrb. f. jüd. Volksk. II. 6