Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 89)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Wertung der Geschlechter im altrabbinischen Schrifttume. Von L. Wiesner, Wien. Es ist eine beachtenswerte Erscheinung im Leben der Völker alter und neuer Zeit, daß die Geburt von Knaben mit ungleich größerer Freude begrüßt wird als die von Mädchen. Auch die Hochkultur der Gegenwart mit ihren auf vollständige Gleichstellung der Geschlechter abzielenden Bestrebungen hat daran nichts zu ändern vermocht. Wir überzeugen uns täglich davon, mit welcher Freude die Geburt eines Knaben Freunden und Bekannten gemeldet wird, und welch lebhaftem Interesse eine solche Meldung bei diesen begegnet, während die Geburt eines Mädchens in den meisten Fällen beinahe als eine diskrete Privatangelegenheit der Familie aufgefaßt und behandelt wird. Auch im jüdischen Volke war es nicht anders. Auch hier tritt uns ein ungleiches Interesse für das Geschlecht des Kindes bei, ja schon vor der Geburt desselben, entgegen. Fragen wir nach der Ursache dieser Erscheinung beim jüdischen Volke, so dürfte sie, da kriegerische Motive wohl kaum in Betracht kommen, hauptsächlich auf folgende Momente zurückzuführen sein. Vor allem waren es Erwägungen sittlicher Natur, aus welchen, in Anbetracht der Gefahren, denen das schwächere Geschlecht bei weitem stärker ausgesetzt ist, den Eltern männliche Kinder erwünschter erschienen. Im ersten Satze des Priestersegens, „der Ewige segne dich und behüte dichu (Nu. VI, 24), der, nach der Auffassung der Lehrer, Kinderreichtum zum Inhalte hat, wird die doppelte Ausdrucksweise „segne" und „behüteu auf das Geschlecht der Kinder bezogen. „Der Ewige segne dichu