Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
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W i e s n e r, Etwas üb. Kinderlosigkeit u. Kinderreichtum usw. 77 letztere mit Kindern bedacht1). Das Gebet der Stammutter Lea bewirkte, daß ihr vor ihrer Schwester Kinder zuteil wurden, obgleich es bestimmt war, den Erstgeborenen Jakobs der Rachel entstammen zu lassen2). Hanna pflegte regelmäßig im Gotteshause zu erscheinen und Gott anzuflehen, darum wurde sie erhört3). Boas war bereits 80 Jahre alt und hatte bis dahin noch keine Kinder4), Ruth hatte zu dieser Zeit das Alter von 40 Jahren erreicht, ohne daß ihre Ehe mit Machion mit Kindern gesegnet worden wäre. Erst als beide füreinander gebetet hatten wurden sie bedacht6). Manche Lehrer lassen sich dahin vernehmen, daß der Segen der Frommen auf Kinderlose eine heilsame Wirkung übe6). Dereinst, so geht eine frommgläubige Hoffnung, werden an dem Wasser, dessen Quell im Heiligtume entspringt, Bäume wachsen, deren Blätter die wunderbare Kraft besitzen, den Muttermund der Unfruchtbaren zu lösen7). Phantasien über Kinderreichtum. Die Übertreibung offenbart uns nicht nur die Kraft, mit welcher die Volksseele über das Maß des Normalen ins Übernatürliche und Wunderbare hinausschwingt, sondern auch den Gegenstand, der sie erfüllt und bewegt. Nur in einem Volke, dessen sehnsüchtigste Träume der Kinderreichtum beherrscht, konnten Ideale und Vorstellungen erzeugt werden, die uns in solchen phantastischen und fabelhaften Möglichkeiten entgegenschimmern. Nach zwei Richtungen hin überbieten sich die rabbinischen Causerien in legendären Angaben über den glücklichen Zustand des Kinderreichtums: in der Vergangenheit und Zukunft; sie versetzen ihn in die dunklen Anfänge der Urgeschichte der Menschheit und längst vergangene Geschlech- 1) Gen. r. 73, 3. 2) B. bathra 123 a. 3) Pesikta r. 43 179 a. 4) Vergl. Sanhedrin 91a. 5) Ruth r, zu III, 10. 6) Daselbst. 7) Jer. Schekalim VI, 2. Menachoth 98 a, Sanhedrin 100 a. Schirr, zu IV, 13.