Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1923
- Issue
- Jahrbuch (1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 455 (sequence 459)
- Language
- German
- Belongs to
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Grunwald, Zur Vorgeschichte des Sukkothrituals. 449 Fasten am Jomkippur — Mensch und Pflanze im Bunde betend vor den Schöpfer hin, der allein sie vor dem Verschmachten bewahren kann1). Dieselbe Bitte symbolisiert das Ausgießen des Wassers, zumal aus einer intermittierenden Quelle, wie Siloah (vgl. Mommert, Siloah; vielleicht besteht zwischen dem Gichon und Ez. 32,2 ein Zusammenhang), geschöpft. Auch Quellen und Flüsse, unter der Glut der Sonne versiegend, lechzen nach Regen2), 1) Mit diesem Deutungsversuche sollen natürlich andere nicht a limine abgewiesen sein. Das heftig erregte Gemüt des primitiven Menschen stellt die von starken Gefühlen begleiteten Vorstellungsinhalte mimisch-dramatisch dar. So sollen am Vorabende des erwarteten, heiß ersehnten Regens durch Wasserausschütten künstlich Wolken hergestellt werden Schw. 23,151. Das subjektive Moment herrscht vor. Ebenso „sieht man sich schon" die Palme und die anderen Zeichen der neuerwachten Vegetation mit Dankeslied um den Altar tragen. Eine andere Erklärung wäre die, daß man, wie sonst im Fruchtbarkeitszauber, sich als Teil der Natur betrachtend, glaubte, man brauche mit dem Wolkenbilden nur den Anfang zu machen, um die Fortsetzung zu erwirken. Von einem weiteren Gesichtspunkt, von den animistischen Anschauungen des Primitiven, geht Eerdmans, D. Mazzoth-Fest (Nöld. 671) aus. Der Mensch proiziert sein Wesen in die ihn umgebende Natur. Auch sie ist, wie er, beseelt. Wie er sich durch Begattung vermehrt, so auch alles andere. Beseelt sind Reis, Getreide, Palme (vgl. die bab. Schreibung mit dem Zeichen „Gott" und den Ba'al thamar Ri. 20, 33) : Man „bindet" in der Erntezeit, ähnlich wie die zu „Erstlingen" für Schabuoth bestimmten Früchte, die Pflanzung, damit sich die Vegetationsseele nicht entferne. Mit der letzten Garbe könnte sie entfliehen. Daher hält man für die nächste Aussaat etwas davon zurück. Vielleicht hängt damit die Aufbewahrung des Lulabs bis zum nächsten Pessach, vielleicht auch das „Binden" des Feststraußes (wie bei den Bikkurim, in Jerusalem mit Gold) zusammen. Unsere Deutung entspricht jedenfalls der im AT. zutage tretenden Naturauffassung, der eine, von mythischem Beisatz freie Einsicht in den von Gott gesetzten kausalen Zusammenhang der Naturerscheinungen zugrunde liegt (vgl. Ps. 148,3). Erinnerungen an Naturmythen sind hier nur poetischer Aufputz oder sprachliche Petrefakte. (Vgl. Midr. Esther 6: Die Juden feiern weder Calendas noch Saturnalien, Wiesner 232). 2) Plast. Darstellung der dürstenden Vegetation; schlagen, um den Wachstumsdämon zu wecken; Bäume umwinden; Reis-, Korn-Mutter: Grunwald, Jahrb. f. jüd. Volksk. I. 29