Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1923
- Issue
- Jahrbuch (1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 400 (sequence 404)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2638044-2638083-2638084--2388-2639762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Berufe der Juden. Aus einem in der Wiener „Urania" Nov. 1922 gehaltenen Vortrage« Von M. Grünwald. Betrachten wir zunächst, was die Wortführer des Judentums selbst hierüber aussagen. Hat es jemals etwas wie einen ausschließlich „jüdischen" Beruf gegeben? Soweit Selbstbekenntnisse in jüdischen Quellen vorliegen, drängen sich uns drei Aussprüche auf, die einer vom andern etwa 1600 Jahre auseinanderliegen, und von denen ein jeder etwas anderes aussagt. Als Joseph in Ägypten seinen Vater und seine Brüder zu sich kommen läßt, da schärft er ihnen ein: „Wenn der Pharao euch fragen sollte: welches ist euer Beruf? so antwortet: Hirten waren deine Knechte von Jugend auf bis jetzt, sowohl wir als auch unsere Väter. So sprechet, damit ihr Wohnsitze erhaltet im Lande Gosen, denn ein Greuel Ägyptens ist jeder Schafhirt." Joseph hatte guten Grund, seinen Leuten diese Weisung zu erteilen. In Wirklichkeit waren weder sein Großvater noch sein Vater ausschließlich Nomaden. Isak wird mit dem Hundertfachen seiner Ernte gesegnet und Joseph selbst beschäftigt sogar im Traume das Bild des Erntens, des Garbenbindens. Er nützte aber die Abneigung der Ägypter gegen die östlichen Hirtenvölker seit dem Einfalle der Hyksos politisch aus, um seiner Familie einen von den anderen abgesonderten Wohnsitz, sozusagen das erste Ghetto, zu sichern. Ein politischer Schachzug war es auch, der ungefähr 1600 Jahre später einen anderen Joseph, den jüdischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius leitete, in seinem hauptsächlich für römische Leser bestimmten Werke über die jüdi-