Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1923
- Issue
- Jahrbuch (1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 399 (sequence 403)
- Language
- German
- Belongs to
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Grunwald, Jüdische Mystik. 393 auf der Darstellung des Leuchters am Titusbogen noch Seeungeheuer und Adler an seinem Fuße erinnern1). Aber nicht nur das Ziel der Wanderimg des Helden, sondern auch einzelne Umstände dieser Wanderung selbst weisen auf biblischen Ursprung hin. Wie Israel in der Wüste 40 Jahre, wandert der Held 40 Tage lang. Er wird in schützende Wolken gehüllt, wie jene Wüstenwanderer, Wolken, wie sie auf der Bühne in der „Zauberflöte" und im „Parzival" vor Augen geführt werden. Aus alledem ersieht man, welch uraltes Geistesgut kabbalistischer Lehre zugrunde liegt. Daß die Kabbala in Zeiten schwersten Druckes dem jüdischen Volke seelische Erhebung und eine mächtige sittliche Stütze geboten hat, dafür liegen Zeugnisse vor, wie das in allen jüdischen Gemeinden am Freitagabend gesungene „Leka dodi" und die in den „Testamenten" hervorragender Kabbalisten des Mittelalters niedergelegten erhabenen Sittenlehren. Das Erhabenste ist aber der Schlußstein des kabbalistischen Gedankenbaues. Durch Liebe erhebt sich die Seele zur höchsten Sphäre. Liebe ist das einigende Prinzip in der ganzen Welt, von der untersten Stufe aufwärts bis zur Liebe Gottes, in der nicht nur die Seele des einzelnen Menschen mit der Weltseele eins wird, sondern durch die Kraft des Gebetes des Gerechten auch die Aussöhnung und Einigung der gesamten Menschheit, ja der ganzen Schöpfung erzielt wird, entsprechend dem prophetischen Ideal, daß einst Gott nicht nur eines sein wird im Kosmos, sondern eines sein Name, d. h. seine Erscheinungsform in der in seinem Namen geeinten vielgestaltigen Menschheit, — entsprechend dem von den Kabbalisten zu besonderem Ansehen erhobenen Kaddischgebete mit dem Schlußsatz: der Frieden hält in seinen Höhen, Harmonie in der obersten Sphäre, er möge auch uns Frieden geben! 1) Vgl. 1 Mose 1, 20 die Schöpfung der Wassertiere und Vögel an einem Tage (hierzu meine „Monistische Märchen", 32). — Anstatt auf griechische Quellen (Zimmern in ZDMG. 76, S. 39, vgl. TROELS- Lund, Himmelsbild 109) ist der Kern der jüdischen Mystik vielleicht eher auf Stimmungen zurückzuführen, wie sie im Psalter (vgl. Mon. March. 174) zum Ausdruck gelangen. Zu Jamnes oben S. 390 vgl. noch Z. rh.-westf.Vlksk. 1918,109, Hess.Vlksk. 1911,130.