Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1923
- Issue
- Jahrbuch (1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 388 (sequence 392)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Grunwald, Jüdische Mystik. mittelbaren Nähe Gottes entstammend, bei lebendigem Leib ein angestrengter Steigerung der ihr innewohnenden Kräfte zu dieser Höhe wieder aufwärts steigt, wie der Zaddik seinen Willen so rein und mächtig macht, daß die göttlichen Urkräfte sich diesem Willen fügen, diese Wanderung durch alle vier Welten verweist uns auf einen mythischen Hintergrund, auf dem diese anscheinend so abstrakten Gedankengänge poetisches Leben gewinnen. Der älteste Ausdruck mystischen Bedürfnisses war der Mythos. So hat auch die Idee der Wanderung der Seele zum Sitze Gottes ihren Niederschlag gefunden in der Himmelswanderung1) des babylonischen Gilgames wie in der Reise Alexanders nach dem Paradies und dem Zuge Parzivals nach der Gralsburg. Uralt und weitverbreitet sind die Gedankengänge, die sick um die beiden erwähnten Kernpunkte der Kabbala, die Maasse Bereschith, die biblische Schöpfungsgeschichte, und die Maasse Merkaba, die Vision Ezechiels vom Thronwagen Gottes, gruppieren. Das Ziel des Helden in den Sagen von der Himmelswanderung ist das Paradies2), der Göttersitz, ein gesegneter Garten,, der von Milch und Honig fließt3). In diesem Garten wächst ein wunderbarer Baum, der Baum des Lebens. Wer seine Frucht genießt, gewinnt Unsterblichkeit gleich Gott. Dieser Baum ist auf babylonischen und assyrischen Denkmälern dargestellt wie der Lulab, der Palmzweig des jüdischen Laubhüttenfestes, eine Palme, deren Blätter mit Bast umwunden sind, und neben diesem Baum ist eine Frucht sichtbar, dem Ethrog, dem Paradiesapfel des Sukkothfestes ähnlich. Dieser- 1) „Einsamen Wanderer nach den Himmelstoren zur Unendlichkeit" nennt sich auch Giordano Bruno. 2) Mystik ist nach altjüdischer Auffassung gleichbedeutend mit „Eingehen in das Paradies" (Bacher, Ag. b. Am. I, 339). 3) Die ohne Zubereitung genießbar sind, vgl. Jacob, MGW J. 1922, S. 23f. Das Brotessen als Eintritt in die intellektuelle Sphäre (Ber. 40a) erinnert an die Feier beim ersten Reis essen des Kindes auf Ceylon und an 1 Mose 2,17. Über das „Wort" vgl. Storfer, Maria 83, das „Weben", „Stufen steigen" 1. c, vgl. Raschi zu 2 Mose 20,2& u. Ket. 71b sowie oben Nacht, der Fuß.