Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1923
- Issue
- Jahrbuch (1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 381 (sequence 385)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grunwald, Jüdische Mystik. 375 Dieses Bild zeigt uns den gesamten Kosmos in harmonischer Bewegung nach einheitlichem Rhythmus. Die moderne Naturphilosophie ist auf induktivem, streng wissenschaftlichem Wege dahin gelangt, einen solchen Rhythmus in der gesamten materiellen Welt, in den Tönen, in den Farben, den Schwingungen der Moleküle anzunehmen. Eine Ahnung dieses Weltprinzipes liegt einer uralten Vorstellung zugrunde, dem Glauben an eine Harmonie der Sphären, die wir nur darum nicht hören, weil unser Ohr von Geburt an an sie gewöhnt ist1). In diesem Reigen bewegen sich die Sterne, die man sich als beseelte Wesen dachte2). Den Sternen am Himmel entsprechen aber gleichfalls nach einer uralten Vorstellung die Dinge in der sublunarischen Welt. Was oben geschieht, damit steht in Verbindung alles Geschehen auf Erden im Größten wie im Kleinsten. In den Sternen geschrieben steht das Schicksal jedes einzelnen, natürlich auch des Menschen. Nur ein Schritt weiter auf dieser Gedankenbahn war der Glaube, daß, wie jeder Stern seine Bahn beschreibt, auch alles andere im Kosmos mit ihm dem gleichen Wandel unterworfen ist, was mit ihm an derselben rotierenden Sphäre (Kugel) haftet. Diese Sphären sind aber nicht materiell. Sie sind als kosmische Intelligenzen, als Engel zu denken, wie sie an der Himmelsleiter im Traume Jakobs auf- und niedersteigen. Entsprechend den vier Sprossen, die nach der Agada diese Leiter aufwies, unterscheidet die Kabbala vier Welten oder, wie wir theosophisch sagen dürfen, vier Ebenen. Die oberste Welt ist die Welt der Aciluth, der Emanation. Sie bilden die göttlichen Attribute, die Urkräfte und Urelemente, die zehn Sefirot. Die Dekade, die Zahlen 1 bis 10, bildet in der Anschauung des alten Orients etwas in sich Abgeschlossenes, Absolutes. Aus den Zahlen 1 bis 10 setzen sich alle mathematischen Grundverhältnisse des Kosmos zusammen. Dieser Gedanke könnte dem „Hexeneinmaleins" im „Faust" zugrunde liegen. 1) Reigen Gottes und der Seligen: VOLZ, Eschatologie, 537. 2) Diese Vorstellung auch im Talmud b. Joma, 20 b, „Wenn nicht der Lärm des städtischen Treibens, würde man den Sonnenball in seinem Laufe tönen hören46.