Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1923
- Issue
- Jahrbuch (1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 378 (sequence 382)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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372 Grunwald, Jüdische Mystik. Überlieferung die Aussprache des vierbuchstabigen (unverstellten) Gottesnamens, die Kenntnis der Kräfte der Edelsteine und anderes geheimes Wissen dieser Art. In den apokryphischen und apokalyptischen Schriften weist so manches auf derartige mystische Überlieferung hin. Sie gruppiert sich um zwei biblische Stellen. Die eine ist der Schöpfungsbericht, die andere die Vision Ezechiels vom Thronwagen Gottes. Die eine ist Kosmologie, die andere Theosophie. Die übliche Bezeichnung für dieses Wissen ist Kabbala, d. h. Empfängnis, und bedeutet Empfängnis einer Kraft, die unmittelbar aus dem göttlichen Geiste stammt, während Massora die mündliche Überlieferung religiös-ethischer Lehren vom Vater auf den Sohn und die Thora die geschriebene, von durch Mose dem gesamten Volke offenbarte Gotteslehre bezeichnet. Kabbala sind auch die Visionen der Propheten. Sowie diesen wunderbare Kräfte eigen waren, so gehört zu dem mystischen Wissen, der Theorie der Kabbala, die praktische Kabbala, d. i. die Kraft, mit geheimen Mitteln, insbesondere Gottes- und Engelsnamen, Zauber zu wirken. Im Talmud finden wir solcher Wundertaten eine ganze Anzahl, so Regenzauber, so die Kunst, Menschen wieder zu beleben usw. Im talmudischen Schrifttum ist bereits davon die Rede, daß Gott die Welt geschaffen, indem er sich konzentrierte und so Raum für die Welt ließ, daß Gott der Ort der Welt und mit ihr verbunden ist, nicht im pantheistischen Sinne, sondern im Sinne mystischer Vereinigung, wie wir sie in Spinozas Ethik als Krönung des ganzen Systems im amor Dei interlectualis wiederfinden. Auch eine Menge altorientalischer Magie und Dämonenlehre hat frühzeitig in das Judentum Eingang gefunden, ferner die Lehre von den männlichen und weiblichen Polen in allen Erscheinungen und die vom Demiourgos, vom Metatron, der Schekina, der Wesenheit, in der die Gottheit überall im Irdischen gegenwärtig ist. Die Tendenz aller dieser Lehren ist, den Weg zu zeigen, auf dem lebenden Leibes die Seele aufsteigen kann, um mit Gott Fühlung zu nehmen. Diese Verbindung wird durch zehn Weltprinzipien hergestellt, mit denen der Kosmos geschaffen worden ist, den zehn Sefirot, ein Wort, das sowohl an das griechische