Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1923
- Issue
- Jahrbuch (1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 377 (sequence 381)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jüdische Mystik. Aus einem Vortrage, am 9. Oktober 1922in der Wiener „Uraniaa gehalten von M. Grün wald. Unter Mystik versteht man eine seelische Richtung, die auf unmittelbare innere Berührung mit der Gottheit und dadurch erwirkte Erleuchtung und Beseligung hinzielt. Im Mittelalter bildete sie einen Gegensatz zur scholastischen Begriffstheologie, und der bekannte Vertreter des deutschen Idealismus Fichte erhofft von einem künftigen Zeitalter der Mystik eine Aussöhnung aller kirchlichen Gegensätze. Er teilt die Kirchengeschichte ein in eine Petrinische Periode der Gesetzlichkeit und eine Paulinische protestantischer Geistesmacht und hegt die Erwartung, einst werde ein Johanneisches Zeitalter der Liebe anbrechen, das die Gegensätze verschmelzen und verklären werde. An dieser Unterscheidung dreier seelischer Richtungen ist etwas Wahres. Doch eine solche chronologische Aufeinanderfolge läßt sich vor dem Richterstuhl kritischer Geschichtsbetrachtung nicht aufrecht erhalten. „Zu allen Zeiten gab es Gesetzesmenschen, Geistesmenschen und liebende Seelen, Mystiker, und es wird immer diese drei Menschenarten geben". Bald herrscht im Wechsel der Zeiten die eine, bald die andere vor. Spuren einer jüdischen Mystik finden sich literarisch zuerst bei den Essäern, als deren Anfänge die Chassidim anzusehen sind, die u. a. in den Büchern der Makkabäer erwähnt werden. Sie waren im Besitz gewisser geheimer Schriften, die nur in ihrem Kreise, einem puritanisch-kommunistischen Bruderbund oder Orden, verbreitet wurden. Sie hüteten als 24*