Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 18 (1917)
- Issue
- 3-4 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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— 52 — entleerten, sandte sie Nachum, beladen mit Häuten der vielen gefallenen Rosse und des Schlachtviehes, die spottwohlfeil zu haben waren, an die Brünner Lederfabrik Lettmayer,, auf Grund eines einschlägigen Abkommens und auf Treu und Glauben, heimwärts; und so kam es, daß er den Verlust jener Fl. 68.000.—, den er wenige Monate vorher beim ersten Staatsbankerotte Oesterreichs (11. Mär'z 1811) erlitten hatte, ohne in seinem selbsterworbenen Wohlstände sonderlich erschüttert zu werden, reichlich durch dieses Doppelgeschäft wettmachen konnte. Er gelangte so durch die polnischen Lande allmählich bis Wilna, ohne daß er natürlich eine Ahnung hatte, w i e weit eigentlich seine Wanderung gehen sollte. So weit das ehemalige polnische Gebiet ging, half ihm der jüdischdeutsche Dialekt, dfer aber in Rußland aufhörte, ein Hilfsmittel der Verständigung zu sein. Er erwirkte sich demgemäß Ende 1811 in Wilna die Erlaubnis, hier zurückzubleiben und jeweilig den Intendantur-Abteilungen, die allmählich nachkommenden Sendungen abzuliefern, welche immer in blankem Golde bezahlt wurden, und als er seinen letzten Liter Wein abgeliefert hatte, ging er nach Warschau und heiratete dort am 12. Februar 1812 die Therese Bloch. Er hatte 1809 (kurz nach dem Kriege) in Raußnitz ein Häuschen erbaut, dessen Eigentumsrecht er aus kindlichem Zartgefühle auf seines Vaters und seinen Namen gemeinsam eintragen ließ, obgleich die Eltern lediglich wenige Dukaten, die Schaustücke der mittellosen alten Leute bildeten, zum Baue beigetragen hatten. Er hatte die Absicht, ihnen das kleine Anwesen — und eine bequemere Unterkunft konnte er im Bereiche des Ghettos nicht leicht auftreiben — ganz zu überlassen und mit seiner jungen Frau nach Breslau zu übersiedeln, wohin sein leidender Schwiegervater (nach dem jähen Wechsel der WohTstandsverhättnisse in Lissa) in die Nähe seiner mütterlichen Verwandten — Abraham Tiktin war Landesrabbiner von Schlesien — übersiedelt war1. In Breslau angekommen, erfuhr die arme junge Frau, daß ihr Vater kurz vorher entschlafen sei, wenige Tage bevor eine Berufung als Rabbiner nadh Berlin für ihn eingelaufen war, die ihn natürlich nicht mehr antraf. Dieser Unglücksfall, wie der Jammer seiner Eltern, daß der einzige Sohn ,,so weit weg" ziehen wolle, veranlaßte den, der Beschränktheit der jüdischen Verhaltnisse im damaligen Oesterreich einigermaßen entwachsenen Nachum, heimzukehren. Um den neuen Schwager Salomon der Misere der Schulmeisterei zu entziehen, begründete Nachum in einem säcularisierten Kloster bei Kromau eine Thalisfabrik und1