Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 18 (1917)
- Issue
- 3-4 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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— 51 - Er tauchte (um die Zeit des Wiener Kongresses) in Raußnitz wieder auf, tat, wie gewöhnlich, wieder nicht gut, und sein Schwager Jellinek entsprach nicht ungern seinen Wünschen, ihn mit Mitteln zu versehen, um nach Rußland zu gehen, wo er „sein Glück" zu finden sich einbildete. Er besuchte seine Mutter in Warschau, ging dann, ohne je etwas Rechtes gelernt zu haben, aufs Geratewohl1 nach dem Inneren des Zarenreiches und ist seither verschollen. Nachum hatte sich in den Warschauer Kreis eingelebt und in den festen Plan, die kleine Therese zu heiraten. Das Jahr 1811 war bekanntlich quantitativ und qualitativ eines der reichsten Weinjahre. Es verlautete, daß, wenn man nach Ungarn 2 leere Weinfässer führe, man dafür ein volles zurückbringe. Nun lag Raußnitz damals fast am Waldessaum, und unter der Gunst jener „Kaiserstrlaße", die Hamburg mit Triest verband und den kleinen Ort durchzog, reihte sich derselben entlang nicht nur Haus an Haus, sondern zahlreiche Ackerbürger fertigten als eine Art Hausindustrie-Erzeugnis in ihrer vielen freien Zeit Wagner- und Binderwaren an, die gelegentlich Absatz fanden. Nachum kaufte alle Fässer auf, die sich in Raußnitz angehäuft hatten, und erwägend, daß es lohnender sei, wenn er für die leeren Gebinde möglichst gute Sorten eintausche, ging er ins Hegyalja-Gebiet. Das Glück war ihm günstig. Napoleon, damals Schwiegersohn des Kaisers von Oesterreich, schrieb Weinlieferungen für die „große Armee" aus. Kautionen wurden nicht gefordert, da Napoleons Scharfblick ganz gut erkannte, daß dieselben das Betriebskapital seiner Lieferanten nur schwächen und er deren Opfer an Zinsen indirekt im Preise doch wieder zahlen müßte. In den bewilligten hohen Preisen erblickte der Kaiser mit Recht die beste Gewähr, daß man gerne liefern werde. Man offerierte loco eines beliebigen osteuropäischen Platzes, und für die Verführung nach Vorschrift wurden reichliche Meilengelder bei Fouragebesorgung durdh die Intendanturen vergütet. Nachums Kostproben (für Spitalszwecke wie für die Korpskommandos bestimmt) sagten zu; er übernahm Lieferungen und zog mit seinen Weinführen im Troß der großen Armee nordostwärts, wdhin man ihn dirigierte, ohne Ahnung des Endziels. Deutsche und elsaß-lothringische Offiziere vermittelten die Verständigung, obschon auch mancher Franzmann, durdh reichlich ein Jahrzehnt unter Napoleons Fahnen, ein deutsches Kauderwelsch radebrechen gelernt hatte, wie die „lingua franca" zur Zeit der Kreuzzüge oder das LandskneChtsdeutsch im Dreißigjährigen Kriege oder endlich das k. k. Militärdeutsch im österreichischen Heere früherer Zeiten. In dem Verhältnisse, wie sich die einzelnen Fuhren