Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1917-01-01 · 3-4 (1917) · p. Seite 48

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
18 (1917)
Issue
3-4 (1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 48 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2638044-2638073-2638075--1838-2639211
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 48 — vWeise jung verheiratet und dadurch1 unabhängig, wie er war, entwickelte sich in ihm ein Unabhänigigkeitsgeführ, ein Bewußtsein seiner Würde als Größe des taTmudischen Wissens. Infolge der Belagerung von Ofen, die ihm seine junge Frau und ein Töchterchen geraubt, sah er sich genötigt, eine Rabbinerstelle in Bosna Serai (Sarajewo) anzunehmen. Aber die ungewohnte Abhängigkeit widerstrebte ihm. Er entschloß sich zur Uebersiedelüng nach West-Europa, wo Eltern und Verwandte inzwischen gefangen und teilweise freigekauft worden waren. Zu stolz, auch in der größten Verlegenheit eine Unterstützung anzunehmen, kam er nach Altona. Dort heiratete er zum zweitenmale und zwar die Tochter des Rabbiners der „Drei Gemeinden Altona, Hamburg, Wandsbek", wurde Vorsteher einer „Klaus", zog aber seinen Lebensunterhalt von Geschäften. Nach dem Tode seines Schwiegervaters wählte ihn seine Partei zu dessen Nachfolger, eine andere wählte einen Gegenrabbi, so daß es zu kleinlichen Streitigkeitenkam, die der stolze Mann unter seiner Würde erachtete. Tief gekränkt zog er sich in seine „Klaus" (eine Art Privatsynagoge mit Lehr haus) zurück. Dabei blieb er um seiner Gerehrsamkeit und seines lauteren Charakters willen hoch geachtet, insbesondere bei den portugiesischen Juden, die ihn, den „djeutschen" Juden, was sonst kaum vorgekommen, zum Schiedsrichter wählten, insbesondere z. Z. der in London ob der bekannten pantheistisch angehauchten Predigt David Nietos (1705) ausgebrochenen Streitigkeiten, die er, der philosophisch Ungeschülte, in spinozistischem Sinne zu Gunsten Nietos entschied. 1710 als erster Rabbiner der deutschen Gemeinde nach Amsterdam berufen, wollte er lieber „Chacham" betitelt sein. Anfangs von allen Seiten hochverehrt, geriet er, da er den Chacham Salamon AylTon der portugiesischen Gemeinde nicht als Seinesgleichen anerkennen wollte, mit der solidarisch für ihren Chacham einstehenden portugiesischen Gemeinde anläßlich des Auftretens des Schwindlers Chajon in bösen Hader und kehrte endlich, nachdem ihm aus seiner zweiten Ehe 1713 ein Töchterchen, Genendel, geboren war, anfangs 1714, Amsterdam den Rücken. Er begab sich zuerst nach London, dann über Breslau nach Polen und wurde überall1 mit Ehren empfangen. In Polen mit der Schlichtung der verworrenen jüdischen Verhältnisse und der Kämpfe zwischen Misnagdim und Chassidim betraut, starb er, ehe das von ihm zu entwerfende Organisationsstatut noch vollendet war, 1718 in Lemberg. Von seinen Kindern erster Ehe ist Jakob Emden (1696 bis 1776) am bekanntesten. Uns interessiert mehr als seine bedeutsame Persönlichkeit seine 17 Jahre jüngere Halb-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.