Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 18 (1917)
- Issue
- 3-4 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 36 — Sechseck, indem wir durch Verlängerung der Linien auf einer jeden Seite derselben ein gleichseitiges Dreieck zeichnen. Die ältesten Mythologien und Philosophen sehen aber in dieser Figur nur zwei Dreiecke, welche ineinander so verschlungen sind, daß die Spitze des einen nach oben, des andern nach unten gerichtet ist. Sehen wir zunächst, welche Bedeutung diese zwei Dreiecke in den ältesten Mythologien haben. In der indischen Mythologie bedeutet das obere Dreieck Indra, das Feuer, und das untere Wischnu, das Wasser. Fast sämtliche späteren occulten Philosophien haben diese Anschauung übernommen. Selbst in der Alchymie bedeutet das obere Dreieck das Feuer, das untere das Wasser. So bezeichnet also, wie Grunwaid (Jahrb. f. jüd. Gesch. u. Lit. 1901) ausführt, die in dem Hexagramm sich umarmenden zwei Dreiecke die Vereinigung der in der Natur sich befindenden zwei größten Gegensätze, des Feuers mit dem Wasser. Nach der antiken Kosmogonie erzeugt das Wasser das Feuer und die Vereinigung der beiden rief das Weltali hervor. Das talmudische Judentum weiß —- wie wir schon erwähnten — von dieser magischen und kosmogonischen Bedeutung des Hexagramms nichts, soweit wir aber die Geschichte der jüd. Mystik zurück verfolgen können, begegnen wir überall diesen Gedanken. Mit Sabbatai Donnolo (X. Jahrh.) wird er herrschend in der jüd. Kosmogonie, selbst der aller Mystik fernstehende Raschi zitiert aus seinem Jezirakommentar und akzeptiert diesen Gedanken1), so daß später die Annahme allgemein^geworden, daß das Wort Schamajim (Himmel) aus Esch (Feuer) und Majim (Wasser) entstanden ist. Die zweite Grundidee, welche die occulten Philosophien in dem Hexagramm ausgedrückt finden, ist folgende: So wie oben, so ist.es unten. Die obere Welt ist mit der unteren so verkettet, wie die zwei Dreiecke im Hexagramm. Es existiert in der unteren Welt nichts, dem etwas vollkommen Gleiches in der oberen Welt nicht entsprechen würde. Wie wir wissen, ist diese Idee von der jüd. Mystik nicht nur akzeptiert, sondern zum Hauptgedanken der Kabbala geworden. »K'en illaah tattaah«. Alles in der unteren Welt hat in der oberen Welt etwas ihm vollkommen Entsprechendes. Das »Almin dimithgaljan« ,die sichtbare Welt' und das »Almin dilo mithgaljan« ,die unsichtbare Welt4 sind ähnlich und zugleich — wie diese zwei Dreiecke — ineinander verschlungen. Unsichtbare Linien verbinden die beiden mit einander, welche den Weg der »Schefa« — der Emanation — anzeigen. Die Emanation, das Strömen des göttlichen Geistes, hat — J) Beza 33a. Natürlich ist anstatt Pijjut Jozer richtig Perusch Jezirah zu lesen, wie schon die neuen Ausgaben bringen.