Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1917-01-01 · 1-2 (1917) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
18 (1917)
Issue
1-2 (1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 18 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2638044-2638073-2638074--1805-2639177
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 18 — In dem darauffolgenden Psalm (S. 8—22), der sowohl in Bezug iauf die wunderbare Sprache als auch auf den Inhalt den alten Psalmen ähnelt, bewundert der Dichter die Werke Gottes, wie sie sidh uns in der Natur offenbaren und von denen der Menlsdh nur einen sehr geringen Teil durch seine Sinne wahrzunehmen vermag. Er freue sich sehr darüber, daß der Allmächtige ihm soviel Vernunft verliehen hat, um einzusehen, daß er nichts verstehe, daß er weiß, daß er nichts wisse1): Eines aber wisse er sicher, daß es einen lebendigen Gott gibt, der aJTes Bestehende geschaffen hat. Gott hat keinen Anfang und kein Ende, sondern er ist die Ewigkeit selbst. Alle seine Wege sind gerade, und wenn der Frevler glücklich ist und der Gertechte gestraft wird, so frage er (der Dichter) nicht, warum Gott so verfahre. Schweigend ertrage er alle Leiden, indem er sie als Schickung Gottes erkenne. Nicht nach Gold und Silber, die die Welt beherrschen, nicht nach sinnlichen Vergnügungen schmachte seine Seele. Seine Not sei zugleich mit ihm geboren worden und begleite ihn durch cäas ganze Leben. Kein Rüheplätzdien sei ihm gegönnt, sondern unstet müsse er im Lande umherziehen. Es sei dies der Wille Gottes', der ihm, damit er nicht Hungers sterbe, das Zeichen d'er Dichtkunst auf die Stirne gegraben, auf daß ihn jeder, dler ihn treffe2) zu seinem Tische einlade. Allein bald kommt das Alter, bald, bald wird es Abend, und für den mütden Wanderer gibt es keine Herberge zum Ueberfnachten. RasdW eilten seine Jugendjahre dahin, ohne für Vorrat im Alter] vorgesorgt zu haben. Sie aber treffe keine Schuld. Wie konnten sie noch etwas erübrigen, da sie doch selbst Mangel hatten? Wer aber habe ihn bis heute ernährt? Nicht die Muse? Sie verspreche ihm, auch fernerhin für^ seine Erhaltung zu sorgen. Und so . erhebe er sidi1 im Gebete zu Gott und spreche: „Ich bitte Dich, o Herr, nimm mir nicht die Gabe, die Du mir verliehen hast! . . . Verstoße mich nicht im Alter, wenn meine Kraft schwindet, entziehe mir nicht den Geist der Poesie!"8) In diesem Psalm hat E. sein wahres Religionsbekenntnis abgelegt, ein Bekenntnis, das von echtem jüdischem Geist zeugt. Drastisch und für Ehrenkranz' Eigenart sehr charakteristisch ist das Gedicht „Auseinandersetzung dies Dichters mit Gott" (S. 25—27): Die Welt, die er (der Dichter) sich *) Erinnert an Sokrates' bekannten Ausspruch von der Unvollkommenheit aller menschlichen Erkenntnis. 2) Anspielung I. Mos. 4, 14—15. 3) Erinnert an ein Gebet Sch'ma kolenu des Versöhnungstages.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.