Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 18 (1917)
- Issue
- 1-2 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 12 - Lied vortragen hörte. Denn nach seiner Rückkehr aus Rumänien besuchte er zuerst seine Heimatstadt, in der er längere Zeit weilte und vor einem auserlesenen Kreise von Freunden und Bekannten seine Lieder sang. Ich sah ihn sehr oft, ida er besonders 'bei zwei Familien, idie iin d|er Nähe meines Elternhauses wohnten, ein- und ausging. Obgleich ich damals noch ein Knabe war, hat sich mir sein Bild so tief eingeprägt, daß es bis auf den heutigen Tag haften geblieben ist. E. war — mein Gedächtnis wird hierin übrigens auch von meinem Zbarazer Gewährsmann unterstützt — von untersetzter Statur und keine „schlanke Gestalt" — wie Weissberg (a. a. O. S. 7) sich erzählen ließ —, hatte ein ovalies, ausdrucksvolles und gllattr.asier.tes Gesicht, trug stets einen schwarzen Salonrock und Zylinderhut und verwandte auf seine Kleidung große Sorgfalt. Im Verkehr war er freundlich und witzig und liebte es besonders, Befangene zu necken. Er unterhielt sich gern mit Damen und war nicht wählerisch in seinen Ausdrüdken. Man hat ihn in seiner Heimat nicht als gemeinen Bänkelsänger oder überflüssigen Badchen1) angesehen, sondern als einen Dichter von bedeutendem Ruf. Natürlich waren es nur die „Aufgeklärten", die sich dort um ihn scharten, die Chassidim2) und Misnagdim*) aber wollten auch in Zb. von ihm nichts wissen. Ersteren war er ein Dorn im Auge. „Wölwel Mo'schkes" — soi nannte man ihn dort gewöhnlich — gjalt ihnen ial!s ein Auswurf der Hölle, als ein Tempelschänder, alis ein zweiter Titus.4) Die Misnagdim hinwiederum freuten sich wohl! im Stillen über E.'s energische und öffentliche Verurteilung des Chässidismus, wollten aber sonst mit diesem „Apikores"5) nichts gemein haben. Selbst seine nächsten Verwandten, die seine aus Rumänien mitgebrachten roten Dukaten gern annahmen, ärgerten sich über seine freie Lebensführung. Eine Ausnahme machte freilich einer seiner Brüdier, der Privatlehrer, der Bibel mit deutscher Uebersetzung oder — wie man dort sagte — Chumesch mit Biur6) unterrichtete, und somit selbst als „Aufgeklärter" galt. Bei ihm wohnte E., so lange er in Zb. wreilte, und in seiner GeserTsdhaft sah man ihn immer. In Zbaraz verfaßte E. viele neue Lieder, von denen eines „Der Unzufriedener" im vierten Teil des Makkel Noam!) Gelegenheitsdichter, der bei Hochzeiten die Anwesenden durch seine Possen und Schwänke belustigt. 2) Anhänger eines Wunderrabbi. 3) Eiferer gegen den Chässidismus, die das Talmudstudium hochhalten und die religiösen Vorschriften peinlich beobachten. 4) Nach der talmudischen Erzählung (Gittin 56 b). 5) Ketzer. 6) Pentateuch mit dem hebräischen Kommentar, der mit der deutschen Uebersetzung von Mendelssohn verbunden ist; Biur Erklärung.