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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1915-01-01 · 3-4 (1915) · p. Seite 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
18 (1915)
Issue
3-4 (1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 66 (sequence 28)
Language
German
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— 66 — Wir finden da Völlerei bis zum öffentlichen Skandal als alltägliche Erscheinung, nicht allein in den unteren Klassen und unter den Männern, sondern auch bei Standespersonen und selbst bei Frauen. Trunkenheit galt als ein ganz gewöhnlicher Entschuldigungsgrund wegen begangener Verbrechen vor Gericht. In dem Buche ,,Leben in Frankfurt a. M." von Maria Gontard ist von „trunkenen Weibern in Hamburg" die Rede, ,,die nach Hause gefahren werden mußten/4 Der Hamburger Nationalökonom Büsch spricht in seiner Lebensbeschreibung von Hunderten von Betrunkenen, die in seiner Jugend auf den Straßen Hamburgs zu sehen gewesen seien. Frau Gontard erzählt von vornehmen Herren, die auf offener Straße ihren Degen verloren und sich dann angesichts der Leute entkleideten. Auch der geistliche Stand machte keine Ausnahme. Die Stelle der Geliebten eines Fürstens war damals das Ziel des Ehrgeizes für junge adelige Damen von guter Familie und unabhängigem Vermögen und der Gegenstand fein angelegter Intriguen für ganze Familien von der höchsten gesellschaftlichen Stellung. Mütter beglückwünschten ihre Töchter zu der Eroberung eines fürstlichen Herzens, und andere Mütter schalten ihre Töchter, weil sie ein gleiches Glück durch „zu unschuldiges" Betragen verscherzt hatten. Eine berühmte Kaiserin (Maria Theresia) lud die Geliebten ihres Gemahls an den Spieltisch, und nach seinem Tode sprach sie zu der einen: „Meine liebe Fürstin, wir haben beide viel verloren." Eine Pompadour wurde von ihr mit „Cousine" angeredet. Es ist das Jahrhundert Richelieus, um den zwei Frauen der höchsten französischen Gesellschaft im Bois de Boulogne mit einander zweimal Kugeln wechselten. An diesem Maßstabe messe man den sittlichen Ernst, der den Lebenskreis unserer Glückel beherrschte. Auch für Glückeis Geistesbildung bietet die nichtjüdische Umgebung eine lehrreiche Folie. Die Frau des berühmten Gottsched, die „Gottschedin", wie man sie nannte, erzählte uns: „Man steckt in dem Gedanken, es sei zu unserem Unterrichte genug, wenn man uns die Buchstaben zusammensetzen und dieselben, zuweilen schlecht genug, nachmalen lehrt. Wenn man die Schule verläßt, so verläßt man, sofern ich etwa das Gebetbuch ausnehme, alle Bücher". Auf diesem Niveau stand damals der Durchschnitt der Frauenbildung. Genau um dieselbe Zeit, wie Glückel, lebte und schrieb in Steiermark ihr „Gedenkbüehl", das uns erhalten ist, eine christliche Frau Maria Elisabeth Stampfer. Diese Frau hat nie ein Buch gelesen, selbst die Bibel nicht, das Bibellesen war ja. dem Katholischen Laien verboten. Sie glaubt mit ihren geistlichen Beratern, die Pest sei Gottes Strafe für den Protestantismus. Als Mittel gegen die Pest wendet auch sie als Amulet Pulver von gedörrten Kröten an. Dem Könige von Frankreich, dem Feinde ihres Kaisers, wünscht sie den Tod. Nach dem Donaubabel Wien ist sie mit Absicht nie gekommen. Sie versagt sogar einem jungen Manne die Hand ihrer Tochter, weil sie als seine Gattin hätte in

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