Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 18 (1915)
- Issue
- 3-4 (1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2638044-2638068-2638070--1701-2639073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 65 — sich zu geben und die Mitmenschen zu beurteilen, ihre innige Anhänglichkeit an ihren Glauben und ihre Glaubensgenossen, ihr herzliches Mitgefühl für die Leiden anderer, — alles das kommt so recht und voll nur in der Originalsprache selbst zur Geltung. Unmittelbar und herzerquickend, wie ihre eigenen Laute zu unserem Herzen dringen, offenbart sich uns aufs Schönste das reiche Gemüts- und Geistesleben sowie das energische Wirken dieser fesselnden Figur, und zwar um so natürlicher und wahrer, als sie selbst weit davon entfernt war, ihre anspruchslosen Blätter für eine weitere Oeffentlichkeit zu bestimmen. Wenn man sich in der Galerie historischer Frauengestalten nach einem Vergleich für Glückel umsieht, so fällt vor anderen Frau von Sevigne, die berühmte Zeitgenossin Ludwigs XIV., in die Augen. Diese ausgezeichnete Frau schrieb während vieler Jahre fast jeden Tag an ihre Tochter, die fern von ihr in der Provence lebte. In diesem täglichen Verkehr mit der geliebten Tochter sagte sie alles, was ihr durch den Kopf ging. In der sicheren Annahme, daß sie für niemand sonst schrieb, wäre sie höchlich überrascht gewesen, wenn man ihr gesagt hätte, daß ihre Briefe einst zur klassischen Literatur Frankreichs zählen würden. Und doch kam es so. Dreißig Jahre nach dem Tode der Marquise veröffentlichte deren Enkelin die Korrespondenz ihrer Großmutter, und die französische Literatur zählte einen großen Namen mehr. Aehnlich erging es unserer Glückel von Hameln, die ihre Herzensergüsse allein für ihre Kinder bestimmt hatte, nur daß die Nachwelt auf die Entdeckung dieser Memoiren ein wenig länger, nämlich fast zwei Jahrhunderte hat warten müssen. Glückel schreibt, um die Erfahrungen ihres Lebens ihren Kindern zur Lehre und Weisung für die Dauer festzuhalten. Und wenn nicht die Liebe und Verehrung des Sohnes für eine Abschrift gesorgt und die Pietät der Enkel diese als einen wertvollen Familienschatz behütet hätte, so wäre unsere jüdische Literatur heute um ein kostbares literarisches Erzeugnis einer geistreichen und gemütstiefen Frau ärmer. Einige verwitterte Grabsteine in Altona-Hamburg, Hameln, Hannover, in Frankfurt, Metz und Wien melden in dürren Daten und Namen von den Akteuren auf der Bühne, von der uns diese Memoiren den Vorhang lüften. Sie haben in diese verfallenen Gräber Auferstehung gehaucht, sie machen die längst Verstummten reden, sie schlingen um all die weit entlegenen und verwitterten Steinreste das buntbelebende Band einer Familiengeschichte, die sich in die Lebensschicksale der berühmten Hoffaktoren Oppenheimer und Wertheimer hineinrankt, sich dann in die Zeit Moses Mendelssohns fortspinnt und noch die Wiege eines Heinrich Heine umwindet. Um die sittliche Höhe, auf der Glückel mit ihrer ganzen jüdischen Umgebung in Hamburg steht, recht zu würdigen, muss man sich den Hintergrund vergegenwärtigen, von dem sie sich abhebt.