Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 18 (1915)
- Issue
- 3-4 (1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 64 — etliche der hier zum ersten Mal veröffentlichten Grabschriften findet sich neuerdings ein Hinweis bei Gronemann, Genealogische Studien, S. 14 nach einer Mitteilung des Herrn Lehrers S. Bachrach in Hameln, der diese Inschrift seinerzeit für uns photographiert und kopiert hat. I. Kulturgeschichtliche Streiflichter. Wenn wir uns ein lebendiges Bild von dem Tun und Treiben früherer Geschlechter, ihrem Privat- und Familienleben entwerfen wollen, dürfen wir uns nicht nur an die ernste Aussage der nüchternen Daten wenden. Sie erzählt allerdings in großen Zügen von den Schicksalen der Völker, kümmert sich aber nicht um jene ungezählten Millionen von Menschen, die unbekannt und unbeachtet geblieben sind. Gerade sie waren es aber, die zu jeder Zeit in ihrer Gesamtheit das Volk gebildet, dessen Geschichte dargestellt werden soll. Deshalb ersteht die Vergangenheit nur dann lebendig wieder vor unserem Geiste, wenn es uns gelingt, das alltägliche Leben der alltäglichen Menschen früherer Zeit in farbensattem Bilde zurückzuzaubern. Es liegt ein eigener Reiz in dem Versuch, sich die Sitten und die Lebensweise längst heimgegangen er Geschlechter wieder zu vergegenwärtigen. Mag das Gewand, das sie trugen, uns oft auch seltsam und fremd anmuten, in ihnen selbst finden wir uns doch immer wieder, unsere eigene menschliche Natur mit allen Neigungen und Schwächen blickt uns an aus dem Spiegel, an dem Jahrhunderte vorüberzogen. Und gerade, weil dem so ist, darum wird uns das Studium der Vergangenheit so lieb. Unschätzbare Beiträge zur Geschichte der letzten Jahrhunderte liefern uns besonders die zahlreichen Memoirenwerke sowie die Privatkorrespondenzen, die uns eine gütige Fügung erhalten hat. Wir Juden besaßen aber noch vor zwei Jahrzehnten von dem sozialen Leben unserer Vorfahren, insbesondere ihrer Häuslichkeit, nur sehr lückenhafte Kenntnis. Erst im Jahre 1898 hat uns der verewigte Professor David Kaufmann in Budapest durch die Herausgabe eines bis dahin schon in Bruchstücken bekannten Werkes der Frauenliteratur des 17. Jahrhunderts eine kulturgeschichtliche Quelle von höchster Bedeutung erschlossen. Es sind die Memoiren der Frau Glückel Goldschmidt, die nach dem ersten Aufenthaltsort ihres Gatten, der Stadt Hameln, durch den berühmten Rattenfänger uns allen vertraut, vom Herausgeber als Glückel „von Hameln" angesprochen wird. Dieses bisher bedeutendste literarische Dokument der jüdischen Frau hat Kaufmann ganz getreu im jüdisch - deutschen Original mit hebräischen Lettern veröffentlicht, um nicht etwa durch Umschreibung oder Uebersetzung dem eigenartigen Reiz des Originales Eintrag zu tun, nicht den Reif von den Früchten, die Farbe von den Schmetterlingsflügeln zu stäuben. Und es ist wahr, die ganze Gemütstiefe dieser Frau, ihre liebenswürdige Art